Sonntag, 17. November 2013

Die Politik der 'Linkskurve' am Vorabend der Machtergreifung



Radio Bremen, 3. Programm, am 13. April 1983

Die Politik der 'Linkskurve' am Vorabend der Machtergreifung

Einar Schlereth


1971 erschien in Frankfurt/M ein Reprint der 'Linkskurve', die zwischen 1929 und 1932 vom 'Bund Proletarischer Revolutionärer Schriftsteller' - abgekürzt BPRS - herausgegoben worden war.

Zun zweiten Mal in diesen 12 Jahren gehe ich aufmerksam diese 4 Jahrgänge durch und zum zweiten Mal bin ich sicher, daß ich zu den beinahe 12 000 Leuten gezählt haben würde, die sie im Lauf der Zeit abbestellt hatten. Welch ein Elend! Und zwar in doppelter Hinsicht: die Zeitschrift selber und die allgemeine Situation.

Nach dem 1. Weltkrieg hat es mehrmals Chancen für Alternativen gegeben, ganz im Gegensatz zur Situation nach dem 2. Weltkrieg. Die Chancen, die es etwa im ostdeutschen Teil Deutschlands gegeben haben mag, wurden schnell im landjunkerlich-Zitzowitz'schem Schreber-und Strebertum erstickt. Aber damals - in den Zwischenkriegsjahren gab es zu jeder Zeit Alternativen, für die praktisch all die Jahre hindurch bei der Bevölkerung, aber auch im Parlament, eine solide Mehrheit vorhanden gewesen war. Doch weder die Führung der SPD, der USP, des Zentrums, noch die der KPD vermochten die Interessen des Volkes zu vertreten, sondern verfolgten enge parteipolitische Ziele, die nicht selten auf den eigennützigsten persönlichen und machtpolitischen Interessen basierten. Das Volk wurde mal wieder erst hinter's Licht geführt, bevor man ihm das Licht ausblies.

Nun ist es ja chic geworden, sich mit dem Faschismus auseinanderzusetzen: je nach politischem Standort war es eine Naturkatastrophe, eine Emanation des Bösen oder ein geschickt inszeniertes Gaunerstück der nationalen und internationalen Bourgeoisie. Es erscheinen Tagebücher und Berichte Betroffener, Exil-Literatur, Dokumente und Analysen zuhauf. Aber dünn sind selbstkritische Analysen gesät, die sich mit den Fehlern der Linken - ich beziehe die SPD hier mit ein - ernsthaft auseinandersetzen und sich nicht etwa nur mit gegenseitigen Schuldzuschiebungen beschäftigen. Zumal Marxisten sollten doch wissen, daß der innere Faktor entscheidend, der äußere Faktor sekundär ist, und sie sollten Kritik üben, daß die Fetzen fliegen, aber bei sich zu allererst. Jürgen Kuczynski, einer der offiziellen Geschichtsschreiber der DDR, stellt aber den Marxismus auf den Kopf, wenn er behauptet: "Sicherlich spielen Fehler in der Strategie und Taktik immer eine gewisse Bedeutung. Aber sie waren nicht entscheidend. Entscheidend waren selbstverständlich die objektiven Ursachen."
Zum Lernen aus eigenen Fehlem gehörte eben auch, die Stärken des Gegners klar zu erkennen. So ist wirklich bewundernswert, mit welchen Geschick die Faschisten bei der Ausschaltung ihrer Gegner taktierten. Zuerst konzentrierten sie das Feuer auf die Kommunisten, obwohl laut Programm auch die Sozialdemokraten und Gewerkschaften auf der Abschußliste standen. Blind tappten die Gegner in die Falle.
Die Sozialdemokratie rieb sich die Hände: gegen die Kommunistenhatz hatte sie nichts einzuwenden, beteiligte sie sich doch selbst daran. Sie würde schon davonkommen und hoffte wohl auf die Dankbarkeit des Adels und der Bourgeoisie, denen sie das Überleben gesichert hatte. Die Kommunisten ihrerseits gerieten in Panik, kaschiert hinter verbaler Kraftmeierei, und steigerten sich in den Wahn, daß alle, die nicht für sie waren, gegen sie wären, womit sie den Faschisten direkt in die Hände arbeiteten.

Es gilt aber festzuhalten - da die Sozialdemokraten heute so gerne ihre Treue zur Weimarer Verfassung herausstreichen und die Kommunisten als 'Kaputtmacher' apostrophieren, was sie im übrigen schon damals taten - daß nicht die Kommunisten es waren, die Sozialdemokraten erschossen, ins Gefängnis gesteckt und ihre Bücher und Zeitschriften verboten haben, sondern umgekehrt. Nur als Gedächtnisstützen: Berliner Wedding am 1. Mai 1929: 31 Tote; Altonaer Blutsonntag am 17. Juli 1932: 15 Tote; Oktober 1931: 15 Bücher und Broschüren vom sozialdemokratischen Polizeipräsidenten verboten; Juli 1931: 27 kommunistische Zeitungen und Zeitschriften verboten.

Auf einem ganz anderen Blatt steht, ob die Kommunisten auf Grund ihrer damaligen Geisteshalteng und des Vorbildes des Großen Bruders in Moskau es vielleicht ebenso gemacht haben würden, hätten sie die Macht gehabt. Das ist aber Spekulation. Dagegen ist es ein Faktum, daß es auch die KPD war, die am 30. Januar 1933, quasi eine Minute vor zwölf, die SPD zur Zusammenarbeit aufforderte, was diese kategorisch ablehnte.

Es gibt also durchaus psychologisch und emotional verständliche Gründe für das Verhalten der KPD, aber die interessieren mich hier weniger, zumal Kommunistische Parteien beanspruchen, Parteien zu sein, die nicht mit dem Bauch denken oder mit Gefühlen Politik machen. Mich interessiert die Politik der KPD, wie sie sich nach außen darstellte, und die spiegelt sich recht gut in der 'Linkskurve' wider, dem Organ des BPRS, das 1927 von Johannes R. Becher im Zusammenwirken mit der KPD und dem Moskauer 'Internationalen Büro für Revolutionäre Literatur' gegründet worden war.

Johannes R. Becher
Ich beginne mit scheinbar Nebensächlichem, den sprachlichen Entgleisungen. Da ist z. B. in der Nummer 1 des Jhrg. 32 der Satz zu finden:

"Daß Carl Radek nur ein Deckname ist und daß der Herr typischerweise Carl Sobelsohn heißt, das alles habe ich beim Suchen in den Katalogen der Staatsbibliothek gelernt."

Ein paar Monate später wird in der Nummer 5 ein Buch mit folgenden verräterischen Worten angepriesen:

"In einfacher, proletarischer Sprache, dem Primitivsten faßbar, schreibt uns Iljin diese Erzählung vom 'Großen Plan'...“

Und in der Nummer 3 Jhrg. 31 steht in einer Besprechung:

"An Stelle von Jazz und Niggersongs stellt die Homophon Company G.m.b.H. ausnahmsweise ihre Aufnahme-Apparate vor das Grauen unseres Alltags.”

Diese geradezu faschistische Wortwahl ist vielleicht gar nicht so nebensächlich, wenn man bedenkt, wie lange in der DDR noch gegen 'Jazz und Niggersongs' polemisiert wurde.

Für die Sprache des täglichen Lebens sozusagen hat Johannes R. Becher gleich in der ersten Kummer auf der 1. Seite in seinem programmatischen Artikel Akzente gesetzt. Er ist betitelt 'Unsere Front' und beginnt:

”Aus den Reihen der proletarisch-revolutionären Literatur kommen sie: ganze, tolle Kerle, die vor Unruhe brodeln und ihre Sätze hinhauen, daß die Sprache platzt ...
Die proletarisch-revolutionäre Literatur ist der Aufstand gegen die Welt … Sie ist im Trommelfeuer und in Straßenkämpfon geboren ... Sie singt Klassenliebe und Klassenhass. Sie marschiert mit unter der Parole: "Krieg dem Krieg!" ... Wir sind Soldaten geblieben und kämpfen weiter an der Front, deren Fahne die rote ist … Draußen auf der Straße, wenn es auch ganz stille ist, rauscht der Gleichschritt dieser roten Heere ...”

Und noch Mitte 32, als der Beschluss zur Einstellung der Zeitschrift wohl schon gefasst war, schrieb Becher:

„ Es gibt genug Beispiele in der Geschichte, wo ein Gedicht, wo eine Satire, wo ein Buch dem Gegner einen empfindlichen Schlag versetzt hat. Lernen wir solche Schläge zu führen, genau und treffsicher, erziehen wir uns zu harten und unerbittlichen Schlägern - solche braucht unsere Klasse. In die Stellungen, Genossen. Macht euch fertig! Seid bereit!“

Dieses 'Tritt gefaßt' und 'In die Stellungen', dieses 'Fäuste hoch, die Reihen fest geschlossen', das tönt ja nicht nur nach hohlem Pathos und altgermanischen Beschwörungsformeln, sondern riecht auch penetrant nach pubertierender Männerbündelei, in der kein Frauenkörper, kein Kind, kein Lachen und kein Weinen Platz findet. Es signalisiert im Grunde nur eins: Bellende Hunde beißen nicht. Und natürlich konnte eine solch verlogene Sprache von den Faschisten ganz gut übernommen worden. Außerdem ist es keinesfalls so, daß erst wir Heutigen uns an dieser Sprache stoßen. Um Kritik brauchte man auch damals nicht weit zu gehen. Schon Dimitroff machte sich darüber lustig.

Die zentrale Frage aber bei der Beurteilung der 'Linkskurve' ist für mich: was hat die Zeitschrift beim Zusammenschluss aller Kräfte gegen die drohende Gefahr des Faschismus - die in der Tat sehr deutlich gesehen wurde - geleistet? Bei der Beantwortung dieser Frage möchte ich zuerst auf die programmatischen Äußerungen der Redaktion eingehen, die sich von Zeit zu Zeit änderten, und deren Niederschlag in der Zeitschrift.

Gleich bei der Gründung des BPRS nahm Becher eine Ausgrenzung vor: "Die proletarische Klassenliteratur ist da, sie kann nicht geleugnet werden ... An diese 'Literatur von unten' glauben wir, an der Arbeit an ihr liegt unser Hauptgewicht, von ihr hoffen wir, daß sie die schärfste und brauchbarste Waffe sein wird im Klassenkampf, sie - und nicht die bürgerlichen radikalen Intellektuellen - ist die erste Front."

Becher nimmt hier einerseits direkt Bezug auf den Klassenkampf, der ja Marx und Lenin zufolge der umfassendste, allseitigste Kampf innerhalb einer Gesellschaft ist, der alle ihre Teile ergreift und durcheinanderschüttelt, bei dem eine der wichtigsten Aufgaben einer Kommunistischen Partei das Gewinnen von Bundesgenossen ist, andererseits weist der Kommunist Becher, übrigens bürgerlicher Herkunft, von vornherein eine Zusammenarbeit mit den bürgerlichen radikalen Intellektuellen zurück.
Georgy Lukács
Der BPRS stützte sich erklärtermaßen auf die Arbeiterschriftsteller und die Arbeiterkorrespondenten als wichtigstes Reservoir für neue Schriftsteller, sowie auf die bürgerlich-revolutionären Schriftsteller, d. h. Leute wie Becher, Anna Seghers, Ludwig Renn, Oscar Maria Graf, Georg Lukács u. a., die voll und ganz das Parteiprogramm unterstützten.

In Laufe des ersten Jahres - bis Mitte 1930 - ging man sogar so weit, dem bürgerlich- revolutionären Schriftsteller lediglich die Rolle des 'Geburtshelfers' zuzugestehen, d.h. Proletariern das Schreiben beibringen, ihnen Publikationsmöglichkeiten schaffen. Im März 1930 ging Josef Lena unter dem Pseudonym Kraus, wohl in Absprache mit der Partei, zum Angriff auf diese ultralinke Doktrin über. Er bezichtigte ihre Vertreter des Ökonomismus, des krampfhaften Versuchs "eine proletarische Kunst erfinden zu wollen". Die bürgerlich-revolutionären Schriftsteller seien nicht Geburtshelfer, sondern Pioniere, die sich auf die besten bürgerlichen Traditionen besinnen sollten, eine These, die durch den Eintritt von August Wittfogel in die Redaktion dominant wurde.

Diese Kehrtwendung hatte seltsamerweise kaum Auswirkungen auf die inhaltliche Arbeit. Nach vielerlei Intrigen zwischen linken und rechten Fraktionen im BPRS, an denen am eifrigsten Becher und Lukács werkelten - Jan Myrdal bezeichnet zu Recht Lukács als intriganten Literaturpolitiker, der aus taktischen Gründen gegen unbekannte deutsche Arbeiterschriftsteller Schurkereien beging - kam abermals eine 'Wendung'. So jedenfalls hat Becher das neue Programm im Oktober 31 betitelt. War es wirklich eine Wendung?

Jan Myrdal
Helga Gallas, in ihrer guten Analyse der von der 'Linkskurve' entwickelten Literaturtheorie, verneint die Frage und nennt sie einen Kompromiss. Ich kann das nicht so eindeutig sehen. Das liegt möglicherweise an Becher, der wortgewaltig das eine sagt, das andere tut, das eine beschwört und das andere verschweigt. Eine Wendung war, daß auf einmal wieder die "Arbeiterkader nicht nur als Reserve, sondern als Kern unserer Literatur" angesehen werden sollten. Eine Wendung war zweifelsohne auch, daß man sich auf einmal der Arbeitermassen erinnerte, die ja großenteils vom kleinbürgerlichem Denken beeinflußt waren, und für sie eine Massenliteratur forderte. Verbunden mit dieser Forderung auf der 'Internationalen Konferenz revolutionärer Schriftsteller' 1930 in Charkow war ja eine herbe Kritik am BPRS: „Der Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller Deutschlands hat in seiner Vergangenheit ultralinke Fehler begangen, die in der letzten Periode endgültig überwunden sind. Die Internationale Konferenz stellt fest, daß in der nächsten Zukunft der Kampf an Zwei Fronten zu führen ist: gegen rechtsopportunistische und liquidatorische, sowie ultralinke sektiererische Tendenzen mit dem Hauptgewicht auf die rechte Gefahr.“
Über diese Kritik, die in erster Linie doch ihn anging, schweigt Becher sich aus. Selbstkritisch gibt er lediglich zu:

"Wir sind starr und langweilig, wir sind nicht erfinderisch genug in der Anwendung neuer kleiner Kunstformen, wir haben zwar eine Idee, aber wenig durchschlagende Einfälle."

Gleichzeitig aber holt Bocher zu einen perfiden Schlag gegen Tretjakow aus, dem man wahrlich nicht Mangel an 'durchschlagenden Einfällen' nachsagen kann, indem er ihn in die Nähe Trotskis rückt, womit er natürlich auch Brecht meinte, der ja nit ihm eng befreundet gewesen war.

Schaut man sich nun aber die 'Linkskurve' nach dem Erscheinen des Artikels 'Unsere Wendung' an, stellt man fest, daß sich wieder nichts Wesentliches geändert hat. Mit Ausnahme des Kampfes gegen den Faschismus, der tatsächlich schon seit März 1930 geführt und nun intensiviert wurde, was sowohl Christoph Buch als auch dem amerikanischen Historiker Angress entgangen zu sein scheint.

Ansonsten gingen die scharfen Kritiken an den bürgerlich-radikalen Schriftstellern unvermindert weiter, ja, das Schussfeld wurde sogar ausgeweitet, indem Lukács nun auch Arbeiterschriftsteller wie Willi Bredel und Gottwalt unter Feuer nahm. Im Widerspruch zur jüngsten Forderung, „Arbeiterkader als Kern unserer Literatur“, entwickelt Lukács, gestützt auf Becher und den damals gerade bekannt gewordenen Brief von Engels über Balzac, seine marxistische Literaturtheorie, die allmählich unter dem Namen 'Sozialistischer Realismus' im sowjetischen Einzugbereich zur offiziellen Theorie wurde und es bis heute geblieben ist. Dies führte, wie Helga Gallas schreibt, zu einer 'paradoxen Situation':

„Das Werk des bürgerlichen Sehriftstelless Thomas Mann gilt der offiziellen kommunistischen Literaturkritik als Prototyp des gestaltenden Realismus, den sie für sozialistisch ausgibt, Bertholt Brechts Methode dagegen wird der Dekadenz und des Formalismus geziehen."

Insofern es also trotz Wendung der 'Linkskurve’ nicht gelang, aus ihrem links-sektiererischem Ghetto auszubrechen, läßt sich mit Helga Gallas sagen, daß es oben doch keine Wendung war. Weder die im: April '32 verfügte Auflösung der RAPP, dem Pendant des BPRS in der Sowjetunion, der man ihren Proletenkult zum Vorwurf machte, da Stalin die antagonistischen Klassengegensätze für aufgehoben erklärt hatte und daher die Einheitsfront aller Schriftsteller gefordert wurde, noch die neue, seit Mai '32 von der KPD verfolgte Politik der 'Einheitsfront aller gegen den Faschismus’ fanden in der 'Linkskurve' irgendeinen Niederschlag.

Umso unverfrorener ist es, wenn heute in der DDR, z.B. im Geschichtslehrbuch für die 9.Klasse, der Eindruck erweckt wird, als hätten die proletarisch-revolutionären Schriftsteller Seite an Seite mit Bertholt Brecht, Erich Maria Remarque, Arnold Zweig, Alfred Döblin, Kurt Tucholsky gekämpft, mit eben jenen Leuten, die bis zur Machtergreifung Hitlers und noch lange danach erbittert von der KPD bekämpft wurden.

Mit welcher Infamie da zu Werke gegangen wurde, möchte ich im folgenden an einigen Beispielen aufzeigen. Die Art der Kritik ist es auch, die mich beim Lesen der 'Linkskurve' am meisten erschüttert hat und mich verstehen ließ, daß jemand wie Heinrich Mann zu Fehleinschätzungen kam und vor den  Reichspräsidenten-Wahlen im April '32 seine Unterstützung Hindenburg gab.

Symptomatisch ist der Fall Alfred Döblin. Kein anderer Schriftsteller wurde derart kontinuierlich vom ersten bis zum letzten Jahrgang und zugleich derart heftig attackiert wie Döblin. Im Zentrun der Kritik stand aus seiner reichen Produktion nur ein einziges Werk: 'Berlin Alexanderplatz'.

Der Reigen wird in Heft 5 des Jahrgangs '29 von Klaus Neukrantz eröffnet, gleich nach Erscheinen des Buches, von dem bis 1933, als es von den Nazis verbrannt wurde, im Reich 50 000 Expl. verkauft wurden. 1930 schon erschien es auf italienisch und dänisch, 1932 auf spanisch, 1933 auf französisch, 1934 auf schwedisch, 1935 auf russisch und tschechisch und außerdem wurde es, mit Heinrich George in der Hauptrolle, verfilmt.

Walter Muschg schreibt in einer Nachkriegsausgabe:

"Der Ruhm des Buches war stofflich bedingt. 'Berlin Alexanderplatz' ist der erste und einzige bedeutende Großstadtroman der deutschen Literatur und es hat nicht manches Seitenstück. Nur John dos Passos' New Yorker Roman 'Manhattan Transfer' 1925 lässt sich damit vergleichen. Ein fernes Vorbild waren vielleicht Hamsuns 'Stadt Segelfoß' und 'Die Weiber am Brunnen'.”

Muschg vergißt einen weiteren Großstadtroman: 'Kungsgatan' von dem großen schwedischon Romancier Ivar Lo-Johansson, den er gerade beendet hatte, als 1934 die schwedische Übersetzung von Döblin's Buch erschien. Aber Muschg hat Recht, wenn er sagt, daß dieses Buch eine Hymne auf die Großstadt ist, die eigentlich von den Malern, den Futuristen, erst entdeckt worden war. Zudem mag dem Buch ein Hauch von Exotik angehaftet haben, da es im proletarischen Osten der Stadt spielte, den die bessere Gesellschaft nur vom Hörensagen kannte.

Wahl des Themas und seine Absichten beschreibt Döblin selbst:

"Ich kenne den Berliner Osten seit Jahrzehnten, weil ich hier aufgewachsen bin, zur Schule ging, später auch hier meine Praxis begann. Während ich früher sehr viel von der Phantasie hielt ... wurde im letzten Jahrzehnt der Blick ... für meine eigene Umgebung und für die Landschaft, in der ich mich bewegte, der Berliner Osten, geschärft. Hier sah ich nun einen interessanten und so überaus wahren und noch nicht ausgeschriebenen Schlag von Menschen.“

Es ist dies der kriminelle Franz Biberkopf. Bei der Betrachtung von dessen Welt, so fährt Döblin fort:

" ...hatte ich ein eigentümliches Bild von dieser unserer Gesellschaft: wie es da keine so straffe, formulierbare Grenze «zwischen Kriminellen und Nichtkriminellen gibt, wie an allen möglichen Stellen die Gesellschaft ... von Kriminalität unterwühlt war."

Und seine Absicht mit dem Roman war:

"Da dachte der Frans Biberkopf nun, eben aus der Zelle kommend, es ließe sich frisch, fröhlich, frei ein neues Leben beginnen. Aber da hatte sich draußen nichts verändert, und er selber war der gleiche geblieben. Wie sollte da ein neues Resultat entstehen? ... Das innere Thema also lautet: Es heißt opfern, sich selber zum Opfer bringen."

Nun zur Kritik von Klaus Neukrantz. Er meint, daß der "zugegeben selten geschickte Autor ... unglaublich mit seinem Titel provoziert habe“ und stellt kategorisch fest:  "… das Buch hat weder mit Berlin noch mit dem Alexanderplatz auch nur das geringste zu tun”.

Das enthebt den Kritiker der Pflicht, sich mit dem Buch des weiteren ausein-anderzusetzen und er kann sich den eigentlichenlichen Absichten, dem 'Willen des Verfassers', den Neukrantz natürlich kennt, widmen:

"Döblin macht den bewussten Versuch, den Typus des Arbeiters unserer Zeit (der Klassenbewusste ist gemeint) mit einem Zynismus sondergleichen zu verhöhnen und lächerlich zu machen ... Er stellt diesem Massentypus … einen erfundenen, mystischen, unaufgeklärten Frans Biberkopf, den "guten Menschen" gegenüber und isoliert ihn bewusst von den Klassenkampfaufgaben des Proletariats.” Nun ja, was ein Autor so alles kann, aber Neukrantz kann auch nicht wenig. Er kann Unterstellungen ausbreiten. Denn aus dem oben Gesagten geht klar hervor, daß für Döblin der Frans keineswegs der „gute Mensch“ war.

Und dann holt Neukrantz zum großen Schlag aus:

"Unter einer geschickten Maske verbirgt dieses Buch einen reaktionären und konterrevolutionären Angriff auf die These des organisierten Klassenkampfes ... Das Buch erhärtet für uns nur den Beweis der Tatsache, daß die sogenannten "linksbürgerlichen" Schriftsteller eine politische Gefahr für dar Proletariat bedeuten, der wir die schärfste Aufmerksamkeit zuwenden müssen.“

Als nächster greift der Literaturtheoretiker Otto Biha zur Feder, um Döblin zu antworten, der sich in der Zeitschrift 'Tagebuch' zur Wehr gesetzt hatte, in einer zugegebenermaßen nicht sehr feinen Art, aber schließlich hatte man ihn ja auch nicht mit Samthandschuhen angefasst.

Biha fragt, ob denn "seine Geistesprodukte jemals ein Staatsanwalt kassiert habe". Ist das zu unterbieten? Biha wiederholt dann, was Neukrantz schon gesagt hatte, daß der Roman nichts mit Berlin zu tun habe, aber ihm füllt auch Neues ein, und zwar, dass "Döblin überhaupt keinen Stil besitzt", dass er nicht Realist, sondern 'Kulturnihilist' sei, der wohl James Joyce über die Schulter geschaut habe, und erklärt schließlich ganz ernsthaft:

„Zweifellos aber nehmen sie (die proletarischen Schriftsteller) teil an dem Aufbau einer neuen geistigen Welt, und die Spuren ihres Schaffens werden hinüberreichen in eine Zeit, in der die Namen ihrer großtuenden Zeitgenossen, der Döblin und Konsorten, längst vergessen und ausgelöscht sein werden."

Nun, es kam genau umgekehrt. Gleichwohl haben Marchwitza, Bredel u.a. ihre Verdienste, auch wenn man Schindluder mit ihnen trieb.

Triumphierend wird im Oktober 1930 dann gemeldet, daß Döblin in der Sowjetunion nicht verlegt werde, wobei bescheiden die eigene Rolle bei diesem Gaunerstück verschwiegen wurde.

Woher - fragt man sich - diese geifernde Wut, wie sind diese beinahe komischen Hasstiraden zu erklären? Gut, Döblin war in seiner Jugend aktiver Sozialist, aber in der alten Sozialdemokratie, die sich im 1. Weltkrieg auf die Seite des Kaisers geschlagen hatte. Und aus dieser Partei trat Döblin aus und kritisierte ihre Führer heftig. Das hätte doch aber ein Pluspunkt für Döblin bedeuten müssen. Andererseits hat Döblin sich nie als Kommunist bezeichnet, er konnte also auch nicht als Renegat eingestuft werden. Er hat sich zwar seine eigenen Vorstellungen vom Sozialismus gemacht und häufig gegen den organisierten Marxismus Stellung bezogen. Aber das haben andere auch getan, z. B. Traven, der deshalb nicht völlig als dem Teufel verfallen abgeschrieben wurde. War man da nur vorsichtiger, weil man nicht wußte, wer sich hinter dem Pseudonym verbarg ?

Möglicherweise ist der Schlüssel in Döblins Hinwendung zur Religiosität zu finden. Aber merkwürdigerweise wird dieser Punkt in der gesamten Kritik nicht angeschnitten, wenn nicht der allgemeine Satz von Becher von Anfang '30 in diese Richtung zielt:

"Wir werden weiterkämpfon gegen die sogenannten "Arbeiterdichter", wie sie die Bourgeoisie und die Sozialdemokraten hätscheln und hochpäppeln, gegen alle religiösen und pazifistischen Klassen-Versöhnungspoeten ..."

Religiosität war damals für alle Kommunisten ein rotes Tuch und ein geradezu unverzeihlicher Fehler. Ivar Lo-Johansson hat kürzlich in Bezug auf Martin Koch, einer der ersten großen proletarischen Schriftsteller Schwedens und in mancher Einsicht Alfred Döblin vergleichbar, diesen Punkt angesprochen:

"Ein proletarischer Schriftsteller, der zu Religion und Psalmendichtung degeneriert, findet nicht immer Platz im Toleranzrahmen der Linken ... Politisch Radikale möchten zu gerne zuverlässige Verfasser, solche, die wie Straßenbahnen zwischen 'ihren Aufgaben' entlangrollen und das absolut Richtige ohne Wenn und Aber schreiben. Der eigensinnige Martin Koch fand da keine Gnade."

Selbst Brecht hat ja ein Gedicht geschrieben mit dem Titel 'Peinlicher Vorfall' nach der Geburtstagsfeier für Döblin am 14.8.1943 im kalifornischen Exil, dessen letzte Zeilen lauten:

"Da betrat der gefeierte Gott die Plattform, die den

Künstlern gehört

Und erklärte mit lauter Stimme

Vor meinen schweißgebadeten Freunden und Schülern

Daß er soeben eine Erleuchtung erlitten habe und nunmehr

Religiös geworden sei und mit unziemlicher Hast

Setzte er sich herausfordernd einen mottenzerfressenen

Pfaffenhut auf

Ging unzüchtig auf die Knie nieder und stimmte

Schamlos ein freches Kirchenlied an,

So die irreligiösen Gefühle

Seiner Zuhörer verletzend,

Unter denen Jugendliche waren.“


Ergänzend »finden wir in Brechts 'Arbeitsjournal' die Zeilen, dass die "Rationaleren Zuhörer von einen fatalen Gefühl ergriffen wurden, etwas von dem verständnisvollen Entsetzen über einen Mitgefangenen, der den Folterungen erlegen ist und nun aussagt". Zwar klingt auch hier das von Ivar Lo-Johansson aufgegriffene Thema an, aber Brecht hatte nicht Unrecht, wenn er den in der Tat peinlichen Auftritt Döblins am unpassenden Ort, zu unpassender Stunde ironisierte. Andererseits fand Brecht für Döblins Bekehrung als solche Verständnis angesichts der schweren Schicksalsschläge, denen Döblin in jener Zeit ausgesetzt gewesen ist.

Von dieser Art Verständnis bis zu der von Lo-Johansson angeprochenen Toleranz ist es allerdings ein weiter Weg. Ich halte diese Toleranz aber für notwendig, um sich den Blick nicht durch Nebensächlichkeiten verstellen su lassen. Diese Toleranz ermöglichte es Marx und Engels, in Heine trotz seiner philosophischen Schrullen den großen Dichter des deutschen Volkes zu sehen; sie ermöglichte es Jan Myrdal, hinter Strindbergs religiösen und frauenfeindlichen Anwandlungen den kompromisslosen Sozialisten zu sehen; sie ermöglichte Ivar Lo-Johansson in Martin Koch den wackeren Moralisten und Kämpfer für die Rechte des Volkes su sehen. Und auch Brecht hat an anderer Stelle in Bezug auf Borchardt, der als konfus, religiös, reaktionär verschrien wurde, klar gesehen, dass

"...seine Werke mit Schärfe und Leidenschaft die sozialen Kämpfe unserer Zeit behandeln. Tatsächlich findet man im bürgerlichen Lager Widerspiegelungen der sozialen Kämpfe beinahe nur auf religiösem Boden.”

Die Kommunisten der 50-er Jahre waren zu dieser Toleranz völlig unfähig. Darum verwundert es auch nicht weiter, wenn in der 'Linkskurve' einige der größten Namen deutschsprachiger Literatur überhaupt nie auftauchten, wie Musil, Broch, Jahnn, Feuchtwanger. Man hatte wohl genug damit zu tun, die potentiellen Verbündeten immer wieder neu vor den Kopf zu stoßen.

Aus der Fülle des Materials greife ich ein weiteres Beispiel für die Methoden der 'Linkskurve' heraus, die mehr mit verbaler Lynchjustiz als mit Kritik zu tun haben. Es betrifft Emst Toller und ich lasse es für sich sprechen. Zuerst der Brief Tollers an die Redaktion der 'Linkskurve':

"Werte Genossen,

in der Dezember-Nummer der 'Linkskurve' wurde eine Glosse "Bavaria-Freiheitsstatue" veröffentlicht, auf deren unflätigen Ton ich nicht eingehen will. Sie haben gewiss in der "Weltbühne" Nr.1 meinen Aufsatz "Ankunft in Amerika” gelesen und daraus ersehen, daß alle Zitate, die mir in der Glosse zugeschoben wurden, frei erfunden sind. Es stimmt auch nicht, daß ich nach Amerika gefahren bin, um mich im PEN-Club oder gelegentlich von Theateraufführungen feiern zu lassen. Wahr ist vielmehr, daß mich der 'Internationale Arbeiterverband' eingeladen hat, nach Amerika zu kommen, dass ich in etwa 35 Massenversammlungen vor deutschen und amerikanischon Arbeitern über die politische Situation in Deutschland und meine Eindrücke in Russland gesprochen habe.

Ich erwarte von Ihnen eine Richtigstellung.

Emst Toller ".

Und nun die Entgegnung der 'Linkskurve':

"Die Zitate, die Toller "zugeschoben" wurden, waren nicht "Frei erfunden", vielmehr waren sie aus der amerikanischen Presse angeführt und von uns für bare Münze genommen worden, da sie ..."

und jetzt langsam lesen

"...nach unserer Meinung eben gut erfunden, d.h. auf Toller richtig zugeschnitten waren. Für unsere Einschätzung Tollers spielt das Angeführte fast gar keine Rolle. Hauptsache ist, daß wir alles, was ihm der amerikanische Lügewacker in den Mund legte, Toller ebenso seiner Vergangenheit wie seiner Gegenwart nach tatsächlich zutrauen."

Derlei Schamlosigkeiten waren keineowegc eine zufällige Entgleisung; sie waren Methode. In derselben Nummer wird mit derselben Überheblichkeit und Arroganz auf Briefe von Tucholsky und Plivier geantwortet.

Welch groteske Züge diese sogenannte Kritik annehmen konnte, ersieht man aus den Beispiel ’Des Kaisers Kuli' von Plivier. An diesem Roman wurde weder der Inhalt, noch die Form, noch der Klassenstandpunkt kritisiert, nein, man kritisierte etwas, was gar nicht drinnen stand, d. h. weil es nicht drinnen stand, weil der Autor nach Meinung der 'Linkskurve' nicht dort hatte aufhören sollen, wo er aufgehört hat, sondern er hätte weiterschreiben sollen.

Ein 'weiteres finsteres Kapitel sind die permanenten Angriffe auf die 'Weltbühne', die unlöslich mit den Namen Ossietzky verbunden ist. Den Auftakt bildete ein ungezügelter Ausfall gegen die Reden von Ossietzky und Tucholsky anläßlich des 25-jährigen Bestehens der 'Weltbühne' im Oktober 1930. Der ‘Linkskurve’ genügte nicht Ossietskys Anspruch, aus 'Teutschland' Deutschland machen zu wollen, die Sippschaft der deutschen und französischen Generalität bloßzustellen, für ein sozialistisches Deutschland einzutreten - das alles genügte den hehren Herren der 'Linkskurve'nicht.

Indigniert fragen sie:

„Wo aber sind die Perspektiven für die Zukunft? ... Bei solchem Wissen um die Dinge, um die es geht, glaubt man, sich auf die Dauer um eine Entscheidung drücken zu können? ... Oder hat er wirklich weiter nichts zu sagen ?"

Deutlich sichtbar wird hier wieder einmal das Merkmal der Kritik der 'Linkskurve': daß es gar keine Kritik war, sondern schlichtweg Demagogie. Kritik hat sich an Fakten zu halten, an vorgegebene Thesen und Auffassungen weltanschaulicher, wissenschaftlicher oder politischer Art. Demagogen peitschen niedrige Instinkte wach, mithilfe unbewiesener Behauptungen und Lügen. Aber selbst wenn, wie im Fall der 'Linkskurve', diesen Herren das Volk, sprich die Leser gleich scharenweise davonliefen, so hielten sie dennoch unbeirrt daran fest, imaginäre Schanzen und Luftschlösser su stürmen und sich selber frenetisch Beifall zu klatschen.

Die 'Linkskurve' erwartete von Ossietzky mitsamt seiner 'Weltbühne' ganz einfach die Selbstaufgabe, d. h. ein bedingungsloses Ja zur KPD. Daß auf diese Weise keine Bündnisgenossen zu finden sind, dürfte dem naivsten klar sein. Ganz abgesehen davon, daß bei dem bedingungslosen Ja selbst so mancher Kommunist ins Stolpern geriet, ausgenommen man gehörte su den Stehaufmännchen wie Becher und Lukács. Denn ein Ja zu Neumann konnte ein plötzliches Nein zu Thälmann sein, ein Nein zu Neumann war irgendwann ein Ja zu Thälmann usw.

Was hatte außerdem die KPD konkret anzubieten? Vor lauter innerparteilichen Querelen war diese Partei gar nicht dazu gekommen, ein Programm aufzustellen, das über Nationalisierungen und Landenteignungen hinausging, die vielleicht das ABC des Sozialismus sein mögen, aber noch lange nicht sein A und 0. Wo waren die fassbaren Vorstellungen einer zu errichtenden Gesellschaft, der große Entwurf, die 'konkrete Utopie'? Dem damaligen Stand der Dinge zufolge mußte es doch dem wohlwollendsten Betrachter scheinen, als wollte die KPD aus dem Deutschen Reich Klein-Sowjetrussland machen, schon damals keine verlockende Perspektive.

Und als wohlwollenden Betrachter kann man Ossietzky sicherlich bezeichnen. Ich finde es jedenfalls erstaunlich, wie gelassen er auf die Angriffe von links reagierte, die für einen sensiblen Mann wie ihn sicherlich schmerzhaft waren. Allenfalls erlaubte er sich zuweilen eine ironische Spitze, wie in dem geistreichen und glänzend geschriebenen Aufsatz 'Kulturbolschewismus' aus dem Jahre 1931:

" ...wenn man manchmal liest, was gewisse kommunistische Blätter gegen die Leute von der 'Weltbühne' auf dem Herzen haben, dann möchte man oft gerne nachhelfen und gut zureden: Kinder, sagt es doch, ihr möchtet uns am liebsten Kulturbolschewisten nennen!
Sagt es doch endlich! ”

Aber das geschieht nebenbei und er geht zielbewusst zur Tagesordnung über, nimmt die 'kulturschützenden Nachtwächter', die 'unberufenen Moralisten und Sittlichkeitsretter’ erbarmungslos aufs Korn. Gleichzeitig reichte er immer wieder - da ihm als einem der Wenigen die Sache wichtiger war als die Person - den Kommunisten die Hand:

”Gerade jetzt, mitten in der Wirtschaftskrise, verkörpert die Kommunistische Partei jene mitreissende Unzufriedenheit, die nicht an kleinen Errungenschaften klebt, sondern einen Anfang verheißt ... Sicher ist, daß sie die Jungen Elemente immer mehr gewinnt, weil das, was sie zu bieten hat, nicht abgestanden, nicht satt, nicht pharisäisch wirkt.”

Eingeschoben hatte Ossietzky hier:

"Ob die Kommunistische Partei im Endeffekt Besseres bietet als die ältere Schwester (gemeint war die SPD), soll hier nicht beantwortet werden.”

Nun, Ossietzky war ein Mann, der seine Zweifel hatte. Vielleicht war dies für die Leute der 'Linkskurve' sein unverzeihlichster Fehler. Für sie gab es keine Zweifel, konnte es keine Zweifel geben, schon gar nicht in Bezug auf die ’Weltbühne'. Im Dezember 1930 wies man wieder einmal ein Angebot zur Zusammenarbeit mit einem Zitat zurück, das man sich aus der 'Weltbühne' besorgt hatte:

"Ziehen Sie sich die Schlafmütze mit der Kokarde von Weimar recht tief über die Ohren. Ich wünsche gesegneten Schlummer. Die Diktatur wird Sie schon munter kriegen."

Dass Zweifel angebracht sein könnten, daß Zweifel an konkreten Umständen nicht unbedingt Träume von 'konkreten Utopien' ausschließen, dass Träume gar ein sine qua non des Marxismus sein könnten, das wäre Becher und Co. wohl nie im Traum eingefallen. Dabei wäre es so einfach gewesen, sie hätten nur Lenin zu lesen brauchen:

"Wovon wir träumen müssen? ... Ich gehe weiter, ich frage, ob ein Marxist überhaupt das Recht hat zu träumen, wenn er nicht vergisst, dass sich die Menschheit nach Marx immer nur Aufgaben stellt, die sie lösen kann ... Wäre aber der Mensch aller Fähigkeit bar zu träumen, könnte er nicht dann und wann vorauseilen, um in seiner Phantasie als einheitliches und vollendetes Bild das Werk zu erblicken, das eben erst unter seinen Händen zu entstehen beginnt, dann kann ich mir absolut nicht vorstellen, welcher Beweggrund den Menschen zwingen würde, weitläufige und anstrengende Arbeiten auf dem Gebiet der Kunst, der Wissenschaft und des praktischen Lebens in Angriff zu nehmen und zu Ende zu führen.”

Der Sieg Hitlers war, trotz Großkapital, Hindenburg und Kleinbürgertum, nicht unausweichlich. Was Ernst Bloch in Bezug auf die Kommunisten im allgemeinen sagte, das trifft im besonderen allemal auf die 'Linkskurve' zu:

"Einer der Hauptgründe dafür war aber, neben der ohnehin schwunglosen Reichsjammerhaltung sozialdemokratischer Art, so dann die propagandistisch fast völlig falsche Sprache der Kommunisten. Sie redeten papieren und sektiererisch zugleich, überließen so das ganze Feld bäurischen, kleinbürgerlichen "Widerspruchs" gegen das "System" dem faschistischen Geraune, Gebrüll, betrügerischem Mißbrauch."

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