Sonntag, 17. November 2013

Die Politik der 'Linkskurve' am Vorabend der Machtergreifung



Radio Bremen, 3. Programm, am 13. April 1983

Die Politik der 'Linkskurve' am Vorabend der Machtergreifung

Einar Schlereth


1971 erschien in Frankfurt/M ein Reprint der 'Linkskurve', die zwischen 1929 und 1932 vom 'Bund Proletarischer Revolutionärer Schriftsteller' - abgekürzt BPRS - herausgegoben worden war.

Zun zweiten Mal in diesen 12 Jahren gehe ich aufmerksam diese 4 Jahrgänge durch und zum zweiten Mal bin ich sicher, daß ich zu den beinahe 12 000 Leuten gezählt haben würde, die sie im Lauf der Zeit abbestellt hatten. Welch ein Elend! Und zwar in doppelter Hinsicht: die Zeitschrift selber und die allgemeine Situation.

Nach dem 1. Weltkrieg hat es mehrmals Chancen für Alternativen gegeben, ganz im Gegensatz zur Situation nach dem 2. Weltkrieg. Die Chancen, die es etwa im ostdeutschen Teil Deutschlands gegeben haben mag, wurden schnell im landjunkerlich-Zitzowitz'schem Schreber-und Strebertum erstickt. Aber damals - in den Zwischenkriegsjahren gab es zu jeder Zeit Alternativen, für die praktisch all die Jahre hindurch bei der Bevölkerung, aber auch im Parlament, eine solide Mehrheit vorhanden gewesen war. Doch weder die Führung der SPD, der USP, des Zentrums, noch die der KPD vermochten die Interessen des Volkes zu vertreten, sondern verfolgten enge parteipolitische Ziele, die nicht selten auf den eigennützigsten persönlichen und machtpolitischen Interessen basierten. Das Volk wurde mal wieder erst hinter's Licht geführt, bevor man ihm das Licht ausblies.

Nun ist es ja chic geworden, sich mit dem Faschismus auseinanderzusetzen: je nach politischem Standort war es eine Naturkatastrophe, eine Emanation des Bösen oder ein geschickt inszeniertes Gaunerstück der nationalen und internationalen Bourgeoisie. Es erscheinen Tagebücher und Berichte Betroffener, Exil-Literatur, Dokumente und Analysen zuhauf. Aber dünn sind selbstkritische Analysen gesät, die sich mit den Fehlern der Linken - ich beziehe die SPD hier mit ein - ernsthaft auseinandersetzen und sich nicht etwa nur mit gegenseitigen Schuldzuschiebungen beschäftigen. Zumal Marxisten sollten doch wissen, daß der innere Faktor entscheidend, der äußere Faktor sekundär ist, und sie sollten Kritik üben, daß die Fetzen fliegen, aber bei sich zu allererst. Jürgen Kuczynski, einer der offiziellen Geschichtsschreiber der DDR, stellt aber den Marxismus auf den Kopf, wenn er behauptet: "Sicherlich spielen Fehler in der Strategie und Taktik immer eine gewisse Bedeutung. Aber sie waren nicht entscheidend. Entscheidend waren selbstverständlich die objektiven Ursachen."