einar schlereth oldies

Dienstag, 21. Mai 2013

4oo Jahre westlicher Imperialismus in China


Hier habe eine 40 Jahre alte Sendung ausgegraben. Aber angesichts der heutigen Entwicklungen mit Globalisierung und Neokolonialismus und Neo-Rassismus ist das Buch so aktuell wie je zuvor. Aber selbst damals, 
als das Klima noch nicht völlig umgeschlagen hatte, fand sich für dieses wunderbare Buch kein Verlag. Ich habe gerade kurz gegoogelt, aber sein Buch auf die Schnelle nicht gefunden. Auf Englisch müsste es sich noch irgendwo/irgenwie zu erhalten sein - und auf Schwedisch auch. Aber dafür habe ich eine tolle Beiographie von einem Chinesen über ihn gefunden mit einer Reihe von Fotos sogar aus seiner Kindheit und Jugend. Aber die muss ich in Ruhe lesen. Hier ist der link.


Rewi Alley/Hans Miller: 4oo Jahre westlicher Imperialismus in China

Einar Schlereth
für den NDR
am 12. September 1973
.
Vor kurzem hat der renommierte schwedische Verlag Gidlunds in Zusammenarbeit mit der schwedisch-chinesischen Freundschaftsgesellschaft das umfangreiche Buch '4oo Jahre westlicher Imperialismus in China' von Rewi Alley mit einem Vorwort von Jan Myrdal herausgebracht. Obwohl Rewi, Alley in hunderten Büchern und Reportagen vorkommt, so bei Agnes Smedley, Anna Wang, Edgar Snow, ist er bei uns so gut wie unbekannt, ist bei uns noch keine seiner zahlreichen Veröffentlichungen publiziert worden. Wer ist Rewi Alley?
1897 in Neu-Seeland geboren, nahm er mit jungen Jahren am 1. Weltkrieg teil, wurde verwundet und dekoriert, wurde Schafzüchter in seiner Heimat und kam als 3o-jähriger nach Shanghai. Als Fabrikinspektor kämpfte er gegen Kinderarbeit, Korruption und verantwortungslose Beamte, setzte sich mit allen Mitteln für Arbeitsschutz und die Gesundheit der Arbeiter ein. Später gehörte er zu den führenden Leuten in der internationalen Solidaritätsarbeit für den Kampf Chinas gegen den japanischen Faschismus.
Er begann lokale Produktionskooperativen aufzubauen, die, weil erfolg­reich, von Tschiang Kai-schek zerschlagen wurden. Mitten im Krieg baute Alley Schulen von einem ganz neuen Typ auf. Schulen, die vom Volk selbst gegründet wurden und sich selbst versorgen sollten. Schu­len, die eine Einheit aus Landwirtschaft, Industrie, Viehzucht und allseitiger geistiger und technischer Erziehung bilden sollten. Nach dem Krieg hatten sich diese Schulen stabilisiert und ihre Erfahrungen wurden verallgemeinert. Es ist sicherlich nicht übertrieben, zu behaupten, daß Rewi Alley einen großen Beitrag zum chinesischen Erziehungswesen, das zu den fortschrittlichsten der Welt gehört, geleistet hat.

Aber in diesem Zusammenhang ist es wichtig, zu wissen, daß Rewi Alley den Imperialismus und seine Auswirkungen auf China gründlich kennengelernt hat, weshalb Jan Myrdal im Vorwort schreiben konnte:
"Ich kenne niemanden, der das Buch wie Rewi Alley hätte schreiben können. Denn er ist außerordentlich belesen, er hat ungewöhnlich reiche Erfahrungen, sein Wissen um Kolonialismus und Imperialismus ist in einem Leben von Arbeit und Kampf geformt worden.”
Dieses Buch, ist ein interessantes und ein wichtiges Buch. Alley läßt die koloniale und imperialistische Ära sich selbst schreiben, Zitat an Zitat von den damals Handelnden, von denen, die selbst dabei waren. Dieses Buch entrollt, um Marx' Worte über den holländischen Kolonialismus in Indonesien zu gebrauchen, 'ein unübertreffliches Gemälde von Verrat, Bestechung, Meuchelmord und Niedertracht'. Auch wenn man beim lesen geneigt ist, Marx Unrecht zu geben, man würde sich nur selbst ins Unrecht setzen. Diese Gemälde, ob von China, Indonesien, Indien oder Deutsch-Südwestafrika, sie übertreffen einander nicht, sie ähneln einander auf erschreckende Weise. Aber vielleicht noch erschreckender unsere diesbezügliche Unwissenheit. Wir können die Volksschule, das Gymnasium und die Universität durchlaufen, aber die Geschichte der Unterdrückung und Demütigung eines großen Volkes, wie sie hier auszugsweise vorliegt, bleibt uns völlig unbekannt. So unbekannt übrigends wie die Geschichte unseres eigenen Volkes. Was wir lernen, das sind doch nur die Geschichten unserer Beherrscher und wen interessieren die schon.
Warum ist das Buch wichtig? Einen wesentlichen Grund nennt Myrdal, indem er die rhetorische Frage, ob es denn notwendig sei, den klassischen Kolonialismus zu studieren, folgendermaßen beantwortet:
"Der das sagt, begreift nicht, daß 'unsere Zeit' nicht nur die 'unsrige' ist; sie ist aus dem geformt, das vergangen und vorbei ist.

Sie ist nicht aus dem Nichts entstanden. Ohne Geschichte sind wir hilflos, tastend, täppisch und zu vernünftigem politischem Handeln unfähig. - Ohne den Kolonialismus zu studieren, können wir uns vom Entstehen des europäischen Kapitalismus keinen Begriff machen.- Und was schlimmer ist, die Vorstellungen und Vorurteile, die Kolonialismus und Imperialismus zu ihrer Verteidigung geschaffen haben, beherrschen immer noch unser Denken."
Das ist sicherlich nicht zuviel gesagt, wenn man die Verhaltensweisen gegenüber Menschen anderer Rasse hierzulande und im Ausland, die stereotypen Sprachmuster und unsere Arroganz angesichts fremder Geschichte und Kultur in Rechnung stellt.
Die Geschichte des westlichen Kolonialismus in China beginnt 1516 mit der Ankunft eines portugiesischen Schiffes bei Kanton. Obwohl die Portugiesen freundlich empfangen wurden, man ihnen erlaubte, Handel zu treiben, dauerte es nur 26 Jahre, bis sie sich alle Sympathien gründlich verscherzt hatten. 1543 wurden sie militärisch geschlagen und des Landes verwiesen. Und damals schon kamen in China die Wendungen 'Teufel in Menschengestalt' und 'Fluch Gottes' als Synonyme für Europäer auf.
Alley's Dokumentation veranschaulicht, warum die Europäer als 'Teufel' handeln mußten. Sie kamen nach China quasi als Bettler. Nur hatten diese Bettler eine besondere Eigenart. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet und - das ist der entscheidende Punkt - besser bewaffnet als alle anderen Völker. Was die Europäer als Waren anzubieten hatten, war in chinesischen Augen schlichtweg Schund. Was die Chinesen dagegen anzubieten hatten, an Seiden-und Porzellanwaren, seltenen Gewürzen,
Tee und Stoffen waren in Europa begehrte Luxusartikel. Die beliebteste
Methode der Europäer, um in den Besitz dieser kostbaren Dinge zu kommen, war das Stehlen und Plündern. Aber solange ihre militärische Überlegenheit noch nicht sonderlich groß war (etwa bis zum Beginn des 18.Jh.
mußten die europäischen Kaufleute zu ihrem Leidwesen in gediegenem Silber bezahlen. Dieses Silber hatte 'eine blutbe&fleckte Geschichte'.
Es wurde von amerikanischen Indianern gebrochen, die in Peru, und Mexiko unter der Peitsche arbeiteten. Einen großen Teil bezahlten die Spanier für Negersklaven an die britischen Sklavenhändler. Die Briten verwendeten es, um in Indien schöne Stoffe und Gewürze zu kaufen. Und schließlich, nach der Eroberung Indiens, pressten die Engländer es durch Zwangssteuern wieder aus Indien heraus'. Via den Seiden-und Porzellanhandel gelangte das Silber nach China und die Europäer standen vor dem Problem einer permanent negativen Handelsbilanz. Bis die Engländer einen genialen Einfall hatten. Sie ließen in Indien Mohn zur Opiumproduktion anbauen. Nur wollten die indischen Bauern nicht. Sie wurden gezwungen und mangels Reis entstanden die ersten großen Hungerkatastrophen. Mit dem Opium bezahlten die Briten in China für Seide, Tee und Porzellan. Nur wollten die Chinesen nicht, denn in China war Opium nur für medizinische Zwecke erlaubt.

Sie wurden mit Waffengewalt gezwungen und damit wurde eines der schändlichsten Kapitel europäischer Zivilisation aufgeschlagen. Das chinesische Volk und die Mandschu-Kaiser wehrten sich erbittert gegen die Verbreitung des Giftes. Aber ihr Widerstand konnte erst in den beiden Opiumkriegen von 1840-42 und 57-58 gebrochen werden, die 'praktisch keine Kriege waren, nur eine Reihe von Blutbädern und Massakern'.
Im Nankingvertrag von 1843 verlor China einen Teil seiner souveränen Rechte. Es mußte außerdem Hongkong abtreten und den Opiumhandel legalisieren. Dies war der erste einer endlosen Reihe von Verträgen, die China’s Würde auf den Nullpunkt reduzierten und sein Elend ins Unermeßliche steigen ließen.
Unmittelbares Resultat des Imports von Opium und billigen Fabrikwaren, des Silberabflusses, der Kriegsreparationen, des Regierungsverfalls und der dadurch bedingten zunehmenden Unterdrückung der Bauern war die Taipingrevolution, die von 1850-65 dauerte und nur durch massive ausländische Einmischung niedergeschlagen werden konnte. Dieselben Ursachen führten 35 Jahre später zum Boxeraufstand, dessen qualitativ neue Seite es war,daß er sich eindeutig gegen den westlichen Imperialismus richtete. Der relativ kleine Anstoß der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1911 genügte dann, um die innerlich und äußerlich geschwächte Mandschudynastie zu stürzen. Aber es sollten nochmals 4o Jahre vergehen, bevor das Ziel des Boxeraufstandes, Befreiung der Produktivkräfte, nationale Unabhängigkeit und wirtschaftliche Selbstständigkeit erreicht wurde.
Alle diese historischen Epochen werden von Alley eingehend beleuchtet, ohne daß die inneren und äußeren Zusammenhänge verloren gehen. Vor allem widmet er der kulturellen Aggression, als christliches Bekehrertum getarnt, breiten Raum. Die enge Verbindung von Missionar, Kaufmann, Soldat und Diplomat, häufig in Form der Personalunion, erstrahlt in den schillerndsten Farben.
Fast belustigend ist es zu sehen, wie gut von imperialistischen Vertretern die Verbrechen und Schandtaten beobachtet wurden - bei den anderen. So schreibt ein Amerikaner über die Portugiesen: „Ihre Gier, Gesetzlosigkeit und Gewalttätigkeit wurden für die Chinesen zum Kennzeichen für Ausländer.“
Ein Brite über die Amerikaners: „Ein sehr großer Teil des lichtscheuen Gesindels, das sich von Zeit zu Zeit für das Leben an der chinesischen Küste interessiert, waren Amerikaner.- Viele der aristokratischen Vermögen von Boston wurden mit Opiumhandel begründet.”
Oder ein anderer Engländer über die Deutschen: „In der Distrikthauptstadt von Yung Ching Hsien machten die Deutschen einen Besuch und töteten 15o Personen ohne eigene Verluste, unter so haarsträubenden Umständen, daß die Briten die der Stadt auferlegten Geldstrafen zurückgaben, um die akute
Not, die die Barbarei der Deutschen verursacht hatte, zu lindern.”
Seltener sind die Zeugen, die so ehrlich sind, wie der deutsche kaiserlich« Offizier, der zum dänischen Botschafter sagte:” Wenn ich Fasanen schießen gehe, schieße ich die Männchen und schone die Weibchen, töte ich die Alten und lasse die Jungen entkommen; aber wenn ich Chinesen jage, dann töte ich sie alle, Männer und Frauen, Alte und Junge.”

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