Freitag, 8. Februar 2013

DIE RÄTOROMANEN IN DER SCHWEIZ


NDR-Sendung 1992
von Einar Schlereth

MUSIK
Zitator: Les ennemis les plus grandes des minorités sont les minorités. Die größten Feinde der Minoritäten sind die Minoritäten.
Autor: Das sagte mir der alte Pastor Jakob Michael in dem idyllischen Sagogn, zu deutsch Sagens im Vorderrheintal. Und das entsprach genau dem Eindruck, den ich nach einem halben dutzend Interviews mit Rätoromanen an verschiedenen Orten hatte. Anders drückte es der Verlagschef Henny vom größten rätoromanischen Verlag in Disentis aus, ein halber Rätoromane, der aber in rein deutscher Umgebung aufgewachsen ist:
0-Ton: Wenn sich die Rätoromanen jetzt nicht einigen, dann geht natürlich der Zerfall noch rascher.
Autor: Jeder Außenstehende, der erfährt, daß es insgesamt nur 51 000 Rätoromanen gibt, die aber fünf Haupt - und Schriftsprachen sprechen, die wiederum sehr ungleichmäßig verteilt sind, kann diesem Stoßseufzer nur zustimmen. Und doch wird jeder Außenstehende, der sich etwas tiefer mit der ganzen Problematik beschäftigt, zugeben müssen, daß das viel leichter gesagt als getan ist. Rechtsanwalt Ruedi Viletta hatte eine geradezu diebische Freude an meiner Ratlosigkeit:
0-Ton: Ich sehe, daß ich sie richtig unsicher gemacht habe, das freut mich.
Autor: Ich glaube nicht, daß Unsicherheit der Sache dient, aber wenn Ruedi Viletta die Befürchtung hat, daß ich mit apodiktischen Urteilen um mich werfen möchte, so kann ich ihn beruhigen. Das beabsichtige ich keineswegs, sondern ich will nur versuchen, die Problematik der Rätoromanen so darzustellen, daß eben auch ein Außenstehender sie verstehen kann. Dazu muß man zuallererst einen Blick in die Geschichte werfen.
Zitator: Das Volk der Räter, eine Mischrasse von Liguriern, Veneto-Illyriern, Kelten und Etruskern, bewohnte das Gebiet zwischen Bodensee und Comersee, Gotthard und Brenner. Von der Ursprache der Rätoromanen weiß man nur, daß weder Etruskisch noch Keltisch, jedoch beiden Sprachen verwandt war.
Im Jahr 15 u.Z. erobern die Römer unter Drusus und Tiberius Rätien, um die Pässe in ihre Hand zu bekommen, über die ihre Verbindungeslinien nach Germanien liefen. Das Volkslatein breitet sich in Rätien aus und verbindet sich mit den bestehenden vorrömischen Sprachen, die durch lautliche Wandlungen und sprachliche Differenzierungen zu den heutigen rätoromanischen Sprachen geformt werden.
Autor: Eine mögliche Quelle der Verwirrung möchte ich gleich zu Anfang ausschalten. Es gibt auch noch rätoromanische Sprachen in Italien, und zwar das Ladinische in Süd-Tirol, das von ca. 20 000 Leuten gesprochen wird und das Friaulische, das nördlich und westlich von Triest von ca. 500 000 Menschen gesprochen wird. Das Friaulische wird bis heute offiziell überhaupt nicht zur Kenntnis genommen, während den Ladinern mittlerweile bestimmte Rechte zugestanden wurden. Beide Sprachen sind jedoch von den rätoromansichen Sprachen in der Schweiz so weit entfernt, daß man sich unmöglich verständigen kann, weshalb die Kontakte selten sind und höchstens offizielle Art.
Zitator: Gleich zu Beginn ihrer Eroberungen legten die Römer am Zusammenfluß von Vorder- und Hinterrhein ein Kastell an, woraus Chur wurde, die älteste Stadt der Schweiz. Bei ihrem weiteren Vorstoß nach Norden teilen die Römer dann Rätien in zwei Provinzen ein: Rätia prima mit Chur als Hauptstadt und Rätia Secunda, wozu Tirol und die bayrisch-schwäbische Hochebene gehörten. Im 5. Jahrhundert erobern die Bajuwaren die Rätia Secunda. Und bis zum 6. Jahrhundert sind beide Territorien romanisiert und christianisiert.
Doch ab Mitte des 6. Jahrhunderts beginnt mit dem Anschluß von Rätia prima an das Frankenreich die politische, wirtschaftliche und kulturelle Ausrichtung nach Norden, die bis heute andauert. Diese Tatsache wird durch die Abtrennung des Bistums Chur von Mailand und dem Anschluß an das Erzbistum Mainz unter Karl d. Gr. verstärkt, auch wenn der Mainzer Erzbischof dekretiert, daß der Gottesdienst in der lokalen Sprache gehalten werden muß.
Autor: Im 13. und 14. Jhrh. besiedeln die deutschsprachigen Walser aus dem Wallis die hochgelegenen und menschenleeren Gebiete Graubündens. Sie bilden bis heute Sprachinseln im rätoromanischen Gebiet, was die Sprachensituation zusätzlich verwirrt. Um dieselbe Zeit werden zur Sicherung der Unabhängigkeit und gegen Habsburg der Gotteshausbund, der Graue Bund und der Zehngerichtebund geschlossen und die Entwicklung zur Demokratie eingeleitet.
Im 15. Jhrh. kommt es zu einer Katastrophe, die langfristig gesehen der schwerste Schlag für die rätoromanische Sprache gewesen ist: Chur, die Hauptstadt Graubündens brennt fast vollständig nieder.
Zitator: Zum Wiederaufbau werden zahlreiche alemannische Handwerker herbeigezogen, die sich nach getaner Arbeit in Chur ansiedeln und Chur zu einer deutschen Stadt machen. Dadurch verliert Graubünden sein sprachlich-kulturelles Zentrum.
Autor: Durch die Reformation werden auch die Rätoromanen von Glaubenskämpfen erfaßt, und die verschiedenen Religionen wetteifern miteinander, Katechismen und Traktate in den verschiedenen Sprachen zu drucken. Da ist es wieder: Die verschiedenen Sprachen. Das bedarf nun doch jetzt schon der Erläuterung. Dazu muß man sich die geographische und topographische Situation Graubündens vergegenwärtigen. Dieser größte Kanton der Schweiz besteht aus 150 Tälern, deren größte vom Vorderrhein, dem Hinterrhein und dem Inn gebildet werden, und die jeweils auf drei Seiten von sehr hohen Bergen eingeschlossen werden. Die Kommunikation zur Außenwelt erfolgte daher in der Regel auf der offenen Seite, d.h. entweder nach Norden oder nach Süden, zumal jahrtausendelang die Berge für die Menschen furchteinflößend waren.
Zitator: In Graubünden entwickelten sich fünf Hauptsprachen, die auch schriftlich niedergelegt wurden: Im Vorderrheintal das Sursilvan, im Tal des Hinterrhein das Sutsilvan, auf der Linie Tiefencastel-Savognin das Surmiran, auf der Linie Davos-St. Moritz das Puter und im Unterengadin und im Münstertal das Vallader.
Autor: Damit nicht genug. Denn im Grunde ist es so, daß jedes Tal, ja jedes Dorf seine eigene Sprache, seinen eigenen Dialekt spricht - und eifersüchtig darüber wacht. Der Autor Werner Catrina hat in seinem Buch `Die Rätoromanen zwischen Resignation und Aufbruch' eine ganze Reihe hübscher Anekdoten angeführt:
Zitator: Anna Capadrutt zeigte sich bitter enttäuscht, als die in den 40-er Jahren geschaffene sutselvische Schriftsprache so wenige charakteristische Elemente der Mundart aus ihrem Dorf Präz enthielt. Unter dem Stichwort "Mutter" steht die Vokabel "mama", während man in Präz "moma" sagt. Und weil ihre im Präzer Dialekt verfaßten Artikel von der Zeitung "La Punt" immer korrigiert werden, arbeitet sie nur noch "fürs Radio. Da kann niemand an meiner Sprache rumkorrigieren."
Autor: Oder ein anderes Beispiel:
Zitator: Frag' Domenica.
Autor: Nein, nein, es wird nicht jugendgefährdend.
Zitator: `Dumanda a Domenica' ist fast ein geflügeltes Wort im Oberengadin. Domenica ist der rettende Ausweg, der immer dann beschritten wird, wenn Einheimische mit ihrem Puter Probleme haben. Sie ist die sprachliche Autorität im gefährdeten Gebiet von St. Moritz. Eine Fanatikerin nennen sie die einen, während andere ihren Namen fast erfurchtsvoll aussprechen.
Autor: Viele Beispiele ließen sich für die wunderliche Weise anführen, mit der sich Rätoromanen abgrenzen, nicht gegenüber dem übermächtigen Deutschen, sondern gegenüber dem nächsten Dorf und dem Nachbartal und die übrigen vier Hauptsprachen. Doch kehren wir erst noch einmal zur Geschichte zurück. Wir sahen, wie durch die Glaubenskämpfe mehrere Schriftsprachen entstanden. Der Gegensatz zwischen altem und neuem Glauben machte jahrhundertelang jede Zusammenarbeit unmöglich.
Zitator: Im 17. Jhrh. wird Graubünden in den Dreißigjährigen Krieg hineingezogen, wobei das Land mehrmals sowohl von französischen als auch österreichischen Truppen verwüstet wird. Jörg Jenatsch, dem von Conrad Ferdinand Meyer ein literarisches Denkmal gesetz wurde, gelang es, die Unabhängigkeit Graubündens wiederherzustellen. Zum vorläufig letzten Krieg in Graubünden kam es in der Napoleonischen Zeit. Besonders bestialisch wüteten wieder einmal die Österreicher, die alten Feinde aller freien Bauern in den Alpen.
Autor: Wie lebendig heute noch die Erinnerung an jene Zeit ist, zeigte sich, als ich von Ruedi Viletta in seinem wunderschönen Haus in Giarsun zu einem Interview mit den Worten empfangen wurde: Ja, die Österreicher hatten wohl keine Zeit mehr, bei ihrem Rückzug auch dieses Haus anzuzünden.
Zitator: 1799 werden die drei Bünde als Kanton Rätien Teil der Helvetischen Republik. Unter dem Namen Graubünden schließen sich die Rätoromanen 1814 definitiv der Eidgenossenschaft an.
MUSIK
Autor: Graubünden ist eine Landschaft der Superlative. Es ist der größte Kanton der Schweiz mit der geringsten Bevölkerungsdichte. Es beherbergt mit Chur sowohl die älteste Stadt der Schweiz, die auf eine 2000 Jahre alte Geschichte zurückblicken kann, als auch das höchstgelegene, ganzjährig bewohnte Dorf Europas: Juf in 2126 m Höhe. In seinen Grenzen wachsen Edelweiß, Zirbelkiefer und - Palmen. Und im Dorf Zillis gibt es eine romanische Kirche mit der ältesten figürlich bemalten Holzdecke der abendländischen Kunst von 1160.
Doch vor allem ist Graubünden eben eine bezaubernde, ungemein kontrastreiche und alte Kultur-Landschaft. Was diese Kulturlandschaft von anderen unterscheidet, das ist nicht die Landwirtschaft, die ja unter ähnlichen Bedingungen ähnlich funktioniert, sondern vor allem die Architektur. Das Engadinerhaus etwa wird von Kulturhistorikern als die originellste architektonische Schöpfung Graubündens bezeichnet. Ihre wuchtigen Häuser, die Wohnteil und Stallungen unter einem Dach bergen, erinnern am ehesten an die Häuser eines anderen Bergvolkes, nämlich die Basken. Tonio Walz schreibt in einem Bericht mit dem Titel "Bauernpaläste":
Zitator: Die Engadiner Dörfer sind romanische Siedlungen - dicht gedrängt, geschlossen und geprägt vom romanischen Charakterzug zur Gemeinsamkeit, Geselligkeit. Keinem Engadiner Bauern wäre es früher eingefallen, auf einem Einzelhof außerhalb des Dorfes zu leben.
Autor: Doch auch hier hat der sogenannte Fortschritt gravierende Veränderungen hervorgerufen. Werner Catrina bemerkt dazu:
Zitator: Die sgrafittogeschmückten "Bauernpaläste" eignen sich schlecht für die moderne Landwirtschaft. In den Sulčr, den Gang, welcher durch das Hausportal zum Heuboden führt, passen weder Traktor noch Ladewagen. Weil die Häuser zum Schutz gegen eisige Winterkälte Mauer an Mauer stehen, läßt sich meist auch kein anderes Tor herausbrechen. Wer heute rationell wirtschaften will, muß einen Stall am Dorfrand bauen oder einen neuen Hof am Dorfrand bauen, weit weg vom Ortskern. Was sein Vorfahre nie getan hätte, ist für den modernen Bergbauern eine existentielle Notwendigkeit.
Autor: Neben der Architektur sind es die Menschen selbst und ihre Sprache, die einer Landschaft ihr Gepräge geben. Ich muß sagen, daß ich die von Herzen kommende Freundlichkeit der Romanen im Unterengadin als äußerst angenehm empfunden habe und daß mir ihr Gruß `Allegra' - Freude - immer wie Musik in den Ohren klingt. Doch gerade ihre schöne, wohlklingende Sprache ist der Hebel, mit dessen Hilfe die Identität der Rätoromanen zerstört wird. Ihre winzige Minderheit von 51 000 Personen wird langsam, aber sicher zwischen den Mahlsteinen zweier großer Kultursprachen zerrieben - dem Schweizer Tüütsch im Norden einerseits mit seinem gewaltigen Hinterland Österreich und Deutschland und der italienischen Sprache im Südteil des Kantons mit Italien als Hinterland. In Chur traf ich im Gebäude der `Lia Romantscha' - der Zusammenschluß aller romanischen Sprachorganisationen - mit dem Linguisten Gian Peder Grigori zusammen, um mit ihm über dieses Problem der sprachlichen Erosion zu sprechen.
0-Ton: (54) Im Prinzip sind wir 2-sprachig, die Rätoromanen also jetzt. Also auch in einem Dorf, wo romanisch ganz klar die Mehrheit ist, wo das öffentliche Leben romanisch abläuft, ist der Kontakt der kleinen Kinder, z.B. über das Fernsehen, sehr früh hergestellt mit dem Deutschen. Das Fernsehen, als aggressives Medium hat sicherlich eine wesentliche Funktion - man hört z.B. kleine Kinder, die Werbespots auswendig können und die kommen natürlich deutsch, die gibt es auf romanisch nicht.
Wir haben 50 000 romanisch Sprechende, Muttersprach-Sprecher, d.h. Leute, die 1980 romanisch als Muttersprache angegeben haben. Und die sind natürlich verteilt - die leben nicht alle in Graubünden erstens, und nicht einmal alle im traditionellen Sprachgebiet, dort leben etwa 32000 Rätoromanen und der Rest lebt entweder im deutsch-sprachigen Teil Graubündens oder im Rest der Schweiz.
Autor: Wie sieht die Schulsituation aus?
0-Ton: Die Schulsituation ist natürlich entscheidend für das Überleben einer Sprache. In der Schweiz besteht ein sehr großer Föderalismus in Sachen Schule. Die Kantone haben die Schulhoheit und der Kanton delegiert weitere Aspekte der Schulhoheit nach unten. In Graubünden haben wir im Prinzip 3-4 Schulmodelle, je nach Sprachregion. Im Stammgebiet haben wir eine romanische Grundschule, d.h. die Kinder werden romanisch eingeschult. Also die ersten drei Jahre der Grundschule plus der Kindergarten, der vorausgeht, ist alles romanisch. Also auch im Oberengadin, wo die Kinder mehrheitlich deutsch oder italienisch sind, müssen die Kinder eine komplett romanische Grundschule besuchen. Und ohne einen Kindergarten, der hier sprachliche Vorarbeit leistet, wäre das nicht möglich. Ich muß dazu sagen, daß das funktioniert. Das Modell geht weiter. In der 4. Klasse setzt der Deutschunterricht ein. Zuerst als Sprachunterricht. Je weiter der Unterricht fortschreitet wächst die Quantität des Deutschunterrichtes und das Romanische nimmt ab. Das geht bis Ende der 6. Klasse. Dann ist bei uns ein Stufenwechsel in die Sekundarstufe und dort geht das Romanische noch weiter zurück und wird zum Fach plus ein Fach, Biologie, das in Romanisch vermittelt wird, der ganze Rest ist dann Deutsch.
In rein deutschen Gebieten haben wir den deutschen Schultypus, der dem Typus der Deutschschweiz entspricht. In den italienischen Gebieten haben wir eine italienische Schule, wo das Deutsche als Fremdsprachenunterricht in der 4. u. 5. Klasse einsetzt. Und dann kommt das Sprachmischgebiet, könnte man sagen, ein GEbiet, das ursprünglich rätoromanisch war, heute aber deutschsprachig ist. Diese Gemeinden sind laufend von einem romanischen System zu einem deutschsprachigen Schulsystem übergegangen. Und das liegt in der Kompetenz der Gemeinde. Die können mittels Abstimmung das Schulsystem wechseln.
Autor: Genau dies ist ein hartnäckig umstrittener Punkt. RA Ruedi Viletta hat sich mit dieser Frage in Wort und Schrift befaßt. Auf meine Frage, ob die Gemeinde das Schulsystem wechseln kann, meint er:
0-Ton: Wenn Sie mit `kann' eine rechtliche Situation erfragen möchten, dann muß ich nein sagen, wenn Sie aber sagen, sie tut es, dann muß ich ja sagen. Da gibt es einen Ideenstreit darüber. Ich habe darüber publiziert und ich vertrete die Meinung, daß das unrechtlich ist. Wenn eine Gemeinde, gestützt auf ihre sogenannte Autonomie, bestimmt über die Unterrichtsprache.
Autor: In der Schweiz gilt in der Sprachenfrage nicht das Personalprinzip, sondern das Territorialprinzip. D.h. jede Sprache besitzt ein fest umrissenes Stammgebiet, in dem die jeweilige Sprache sozusagen alleinherrschend ist. Ruedi Viletta erklärt mir anhand vieler Beispiele, daß dieses Prinzip, das gerade wieder vom Ständerat bekräftigt worden ist, für die deutsche, französische und italienische Sprache respektiert wird, aber gerade im Fall der rätoromanischen Sprache, die nach Aussage aller Experten in ihrem Bestand gefährdet ist, dauernd durchlöchert wird. Und dies, obwohl es einen berühmten Präzedenzfall samt höchstrichterlichem Beschluß gibt:
0-Ton: Da ging es z.B. um die französischsprachige Schule in Zürich, eine private Schule, mehr oder weniger ursprünglich Diplomatenkinder. Und um diese Schule zu führen, braucht es eine Bewilligung der Zürcher Behörden, und die Zürcher Behörden haben gesagt nein. Anwendung des Territorialitätsprinzipds: Zürich ist deutschsprachig, da gibt es keine französischsprachigen Schulen. Und ich unterstreiche, private Schulen! Das darf es einfach nicht geben. Und das Bundesgericht hat es geschützt und hat gesagt, die Zürcher Behörden haben Recht. Das ist das schweizerische Rechtssystem, die Staatsidee, die das vorschreibt. Und dieses Urteil des schweizerischen Bundesgerichtes bildete die Grundlage für die Schlichtung des belgischen Sprachenstreites 1968 vor dem Menschenrechtsgerichtshof. Und diese Idee des territorialen Schutzes der Sprache hat auch Eingang gefunden in alle entscheidenden Dokumente der Volksgruppen oder Minderheiten Europas.
Autor: Es ist schon merkwürdig, daß die Schweizer, die sich so viel auf ihre Vielsprachigkeit zugutehalen, die auch bei allen Umfragen große Sympathien für das Rätoromanische bekunden, in der Praxis ihre vierte Landessprache derart stiefmütterlich behandeln. Aber vielleicht ist es doch nicht so merkwürdig, wenn man bedenkt, daß gute Worte halt nichts kosten, während man für die Umsetzung der Gleichberechtigung viele Franken springen lassen müßte, und da werden die Schweizer halt ungemütlich. Das sieht auch Viletta als den springenden Punkt:
0-Ton: Natürlich kostet es. Es ist sehr viel einfacher (S. B. ca.650), wenn man nur eine Sprache zu verwanden hat, das ist selbstverständlich. Die Schulbücher, die Formulare nur in einer Sprache, alles nur einsprachig, das ist billiger.
Autor: Ruedi Viletta erzählt auch verschiedene Episoden aus seiner Zeit als Abgeordneter im Kantonsrat, die sehr unerquicklich sind, wie etwa der Auszug deutscher Abgeordneter, sobald er auf romanisch das Wort ergriff. Annette Pietsch, ein engagierte Romanin in Bern, drückt sich sehr deutlich aus:
0-Ton: Das Romanische wird in vielen Kreisen immer noch als etwas Rückständiges angeschaut. Es ist schon eine Diskriminierung der Bergbevölkerung.
Autor: Das Wort Diskriminierung möchte Gian Grigori nicht direkt benutzen. Er meint:
0-Ton: Die Diskrimierung ist nicht offensichtlich, sie ist ein bißchen versteckter. Der Druck auf die Minderheit ist nicht nur da, weil es eine Minderheit ist, sondern weil sie die Sprachlast trägt. Für mich ist es eine ganz typisch pragmatische Haltung, die da zum Vorschein kommt und die meiner Ansicht nach doch verwurzelt ist bei den Romanen. Weil sie schon lange 2-sprachig sind, entwickeln sie eine riesige Anpassungsbereitschaft.
Autor: Diese Anpassungsbereitschaft ist es auch, die den Rätoromanen von ihren eigenen Leuten immer wieder zum Vorwurf gemacht wird. Allerdings darf man nicht vergessen, daß dies das Resultat eines starken Anpassungsdrucks ist, der von der deutschsprachigen Bevölkerung ausgeübt wurde. Das schlug sich auch in Sprüchen nieder, wie etwa: Mit dem Rätoromanisch kannst du nicht einmal eine Kuh in der Stadt verkaufen. Und dieser Druck führte dann im vorigen Jahrhundert so weit, daß
Zitator: die Bündner Bauern ihre Kinder zu hunderten während der Schulferien nach Süddeutschland schickten, damit sie gut deutsch lernten.
Autor: Mit der Erschließung des Kantons für den Tourismus verstärkte sich der Druck auf die einheimische Bevölkerung, deutsch zu lernen, da das größte Kontingent der Touristen seit eh und je aus der deutschsprachigen Schweiz und Deutschland kam. Doch jedem Spanier, Franzosen oder Engländer käme die Idee absurd vor, deutsch zu lernen, nur weil ein paar Millionen Deutsche als Touristen ins Land kommen. Gewiß, aber an diesem Beispiel wird auch klar, daß es eine Frage der Quantität ist. Die Romanen sind halt insgesamt nicht mehr Menschen, als in irgendeiner europäischen kleinen Kleinstadt Platz finden.
Unter diesen Umständen wäre der Handlungsbedarf der Regierung umso größer gewesen. Eine bequeme Ausrede der Regierung und Behörden für ihre Untätigkeit war stets die Tatsache, daß es 5 romanische geschriebene Sprachen gibt und die Rätoromanen sich nicht auf eine einzige einigen konnten. Mittlerweile gibt es eine gemeinsame Schriftsprache und ich frage Gian Grigori, ob es sich hierbei um eine Art Esperanto handle:
0-Ton: (437) Innerhalb der Sprachplanung war ein Aspekt, man muß die Präsenz einer Sprache, um sie zu erhalten, im öffentlichen Leben erhöhen. Mit einer einheitlichen Schriftsprache.
Jetzt die Frage: Ist das ein Esperanto? Kurz ein paar Worte zur Konstruktion dieser Schriftsprache. Das Konzept ist entwickelt worden von einem Romanistikprofessor in Zürich, und er hat im Prinzip die beiden großen Schriftvarianten unter den 5, die wir haben, genommen, die stehen auch sprachlich am weitesten auseinander, hat die mittlere, die Brückenvariante aus dem Sutmiran genommen, und hat die verglichen und hat im Prinzip ein Mehrheitsprinzip entwickelt. Also das Romantsch Grischun ist so zusammengesetzt, daß man sie aus bestehendem Material formt, wie es am meisten gesprochen und geschrieben wird in den verschiedenen Idiomen. Wenn also in zwei Idiomen etwas so geschrieben wird und in einem weiteren anders, dann schreibt man im Romantsch Grischun so, wie es die zwei schreiben. Es ist eine konstruierte Sprache. Es ist aber keine Kunstsprache, weil sie zu 98 % auf bestehendem Materal fußt.
Autor: Auch wenn nun von Regierung, Post, Bahn etc. diese Sprache in starkem Maße verwendet wird, hält sich doch die Akzeptanz bei den Rätoromanen in Grenzen. Z.B. gibt es keine Schriftsteller, die sie benutzen. Für Verlagschef Henny in Disentis ist die Situation nach wie vor chaotisch:
0-Ton: Dann ist es einfach so, daß der normale Bürger aus dem Engadin, der rätoromanisch spricht, der liest kein Buch im oberländisch geschrieben.
Autor: D.h. alle Bücher in einem bestimmten Idion wenden sich nur an die Leute, die es auch sprechen. Und wie hoch sind die Auflagen?
0-Ton: Bei Gedichtbänden z.B. kann das variieren zwischen 500 bis etwa 1000. Dann bei Belletristik, da kommt's drauf an, was für ein Autor, und da schwanken die Zahlen von 1200 bis 2000, vielleicht einmal höchstens auf 2200 Expl. nur für Oberländerromanisch. (680)
Autor: Auch das eine oder andere Werk auf sutselvisch wird noch gedruckt, erscheint aber nicht im eigenen Verlag. Für die übrigen drei Sprachgruppen gibt es so gut wie keine Publikationen, weil sie definitiv zu klein sind. Zur aktuellen Situation der Sprache meint Herr Henny:
0-Ton: Die Situation, also wenn Sie mich fragen, sehe ich sie eher pessimistisch. Wenn man die ganze Entwicklung anschaut in Sachen Sprache in den einzelnen Gemeinden, so ist die Entwicklung in meinen Augen verheerend. Ich sehe nicht, daß man hier Einhalt gebieten kann, sondern die Entwicklung wird weitergehen. Ich glaube, daß wir so in 20 - 30 Jahren nicht mehr viele Gemeinden haben, die noch mehr oder weniger vollständig romanisch sprechen. Und nun kommt das noch dazu, daß die Rätoromanen sich nicht einigen können auf diese Schriftsprache, d.i. ich würde sagen, zum Teil ein beschämendes Kapitel, und die Fronten haben sich jetzt eher, in meinen Augen, nicht enthärtet, sondern eher verhärtet. Und wenn Sie mich fragen, dann ist das in meinen Augen die letzte Rettung. Wenn sich die Rätoromanen jetzt nicht einigen, auf diese Schriftsprache - wenn Sie die Entwicklung in Deutschland von früher her wissen, mit den verschiedenen Dialekten, die konnten sich auch auf eine Schriftsprache im Deutschen einigen, auch wenn es lang gedauert hat - wenn sie sich also nicht einigen können, dann geht natürlich der Zerfall noch rascher. Der Ball liegt eindeutig jetzt bei den Rätoromanen selbst.
Autor: Eine Einigung würde sich natürlich positiv auf den gesamten Medienbereich auswirken. Statt fünf Mini-Blättchen könnte eine Zeitschrift herauskommen, ein Projekt, an dem jahrelang schon vergebens gewerkelt wird. Im Rundfunk könnte die Präsenz wesentlich verstärkt werden, auch wenn sich dort in den vergangenen Jahren die Situation einigermaßen verbessert hat. Doch im Fernsehen ist der Anteil des Rätoromanischen immer noch verschwindend gering, obwohl man weiß, wie verheerend der Einfluß gerade auf die kleinen Kinder ist.
Ein wesentlicher Faktor bei der Erosion der Sprache ist auch die Landflucht und das bedeutet Flucht in die deutschen Städte, wo die Rätoromanen überdurchschnittlich häufig einen fremdsprachigen Ehepartner wählen. Als Grund für die Landflucht werden nicht nur bessere Berufsaussichten angegeben, sondern sehr häufig auch die geistige Enge ihrer Täler in religiöser, politischer und sozialer Hinsicht. Annette Pietsch schildert die Situation so:
0-Ton: Das ist ein Tal mit 1500 Einwohnern. Bis nach Chur hat man 200 km Paßfahrt mit dem Auto, mit dem öffentlichen Verkehrsmittel hast du 4 Stunden Fahrzeit, nicht. Die nächste Stadt ist im Süden, Meran, eine Stunde Auto. Und die Leute, was hat es, Intellektuelle hat es ein oder zwei Ärzte, ein Veterinär und einen Pfarrer und fertig. Ich möchte nicht mehr so leben.
Autor: Im Vorderrheintal kommt ein undurchdringlicher Filz von Christlicher Volks-Partei und katholischer Kirche hinzu - in Abgrenzung zu den Protestanten ringsumher - der vielen Rätoromanen "einen kalten Schauer über den Rücken jagt", so daß sie ihrer Heimat den Rücken kehren.
Im Fazit seines Buches schreibt Werner Catrina nach seinen über 300 Gesprächen mit Vertretern aller Volksschichten:
Zitator: Auffallend ist heute bei vielen ein geschärftes Bewußtsein für den Wert und die Bedeutung der Muttersprache. Es beginnt manchem Romanen aufzudämmern, daß es von jedem einzelnen, also auch von ihm selbst, abhängt, ob das Romanische lebt oder nicht. Erst wenn sich dieser tausendfältige Wille wirklich lebendig manifestiert, entsteht der nötige Druck, der die heute erfolrderlichen Lebensbedingungen für die Kleinsprache zu schaffen vermag. Unser politisches System bietet genügend Spielraum dafür.
Autor: Das klingt nicht besonders überzeugend. Ein Trost mag sein: Das Rätoromanische ist schon so oft totgesagt worden, daß es vielleicht auch diesmal alle pessimistischen Einschätzungen überdauern wird. Und vielleicht kehren ja die Rätoromanen auch zu dem Selbstbewußtsein zurück, womit sie z.B. 25 Jahre lang - von 1900 bis 1925 - dem Autoverkehr trotzten. Indem sie an dem Autoverbot wieder anknüpften, könnten sie neue Maßstäbe setzen und einen alternativen Tourismus ermöglichen, der nicht nur mehr Rücksicht auf die prekäre Lage der Natur nähme, sondern auch auf die prekäre Lage der rätoromanischen Sprache.
MUSIK

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