Mittwoch, 25. Dezember 2013

Impressionen aus Kanada


Diese Sendung wurde für die NDR-Redaktion von Achim D. Möller produziert und am 25. November 1988 gesendet.


Impressionen aus Kanada

Einar Schlereth
Digitalisiert und unverändert (außer Tippfehler-Korrekturen) aufgelegt am: 25. Dezember 2013.


Kanada - das Land mit der sympathischen Flagge, rot weiß-rote Streifen und ein Ahomblatt, vergänglich und ewig zugleich;
Kanada - das Land der endlosen Wälder, der Tundren, der Schnee- und Eiswüsten, wo Karibus, Elche, Wölfe und Bären sich tummeln;
Kanada - das Land der zehntausend Seen, die voller Fische sind, wo Biber ihre Dämme, Burgen und Kanäle bauen;
Kanada - das Land der Wildwasser, das Paradies der Kanuten;
aber auch das Land der Indianer, Inuit und Trapper; auch die Hoffnung von Millionen Einwanderern und der Traum junger Kerle vom wilden Holzfällerleben, bei bei dem man säckeweise Geld verdient, wie auch ich einmal träumte.

Dieses Kanada - gibt es das? Ja - und nein.

Ich habe bei meinem Besuch im Sommer dieses Jahres im südlichen Ontario ein anderes Kanada gesehen und erlebt, das mich in vielerlei Hinsicht enttäuscht und bedrückt hat. Zuerst die allgegenwärtige ökonomische Vorherrschaft der USA. Zu allem Überfluß will dann der Ministerpräsident Mulroney, ein enger Freund Reagans, dem Land noch ein Freihandelsabkommen mit dem Nachbarn aufzwingen, das er selbst jahrelang erbittert bekämpft hat.

Die überwiegende Mehrzahl der Kommentatoren befürchtet, daß solch ein Abkommen dazu führen könne, den Zwerg Kanada im Schlund des gefräßigen Riesen USA verschwinden zu lassen. Zum Vergleich: in Kanada, das mit den USA eine gemeinsame, 5000 km lange Grenze hat, leben ca. zehnmal weniger Menschen als in den USA, und das kanadische Bruttonationalprodukt lag 1985 ungefähr dreizehnmal niedriger als das US-amerikanische.

Dies schreibt Michael Mundhenk, in Vancouver lebender langjähriger Kanada-Kenner. Wenn Lateinamerika von den Amerikanern gerne als ihr Hinterhof gesehen wird, dann Kanada gewissermaßen als ihr Vorgarten.

Sonntag, 17. November 2013

Die Politik der 'Linkskurve' am Vorabend der Machtergreifung



Radio Bremen, 3. Programm, am 13. April 1983

Die Politik der 'Linkskurve' am Vorabend der Machtergreifung

Einar Schlereth


1971 erschien in Frankfurt/M ein Reprint der 'Linkskurve', die zwischen 1929 und 1932 vom 'Bund Proletarischer Revolutionärer Schriftsteller' - abgekürzt BPRS - herausgegoben worden war.

Zun zweiten Mal in diesen 12 Jahren gehe ich aufmerksam diese 4 Jahrgänge durch und zum zweiten Mal bin ich sicher, daß ich zu den beinahe 12 000 Leuten gezählt haben würde, die sie im Lauf der Zeit abbestellt hatten. Welch ein Elend! Und zwar in doppelter Hinsicht: die Zeitschrift selber und die allgemeine Situation.

Nach dem 1. Weltkrieg hat es mehrmals Chancen für Alternativen gegeben, ganz im Gegensatz zur Situation nach dem 2. Weltkrieg. Die Chancen, die es etwa im ostdeutschen Teil Deutschlands gegeben haben mag, wurden schnell im landjunkerlich-Zitzowitz'schem Schreber-und Strebertum erstickt. Aber damals - in den Zwischenkriegsjahren gab es zu jeder Zeit Alternativen, für die praktisch all die Jahre hindurch bei der Bevölkerung, aber auch im Parlament, eine solide Mehrheit vorhanden gewesen war. Doch weder die Führung der SPD, der USP, des Zentrums, noch die der KPD vermochten die Interessen des Volkes zu vertreten, sondern verfolgten enge parteipolitische Ziele, die nicht selten auf den eigennützigsten persönlichen und machtpolitischen Interessen basierten. Das Volk wurde mal wieder erst hinter's Licht geführt, bevor man ihm das Licht ausblies.

Nun ist es ja chic geworden, sich mit dem Faschismus auseinanderzusetzen: je nach politischem Standort war es eine Naturkatastrophe, eine Emanation des Bösen oder ein geschickt inszeniertes Gaunerstück der nationalen und internationalen Bourgeoisie. Es erscheinen Tagebücher und Berichte Betroffener, Exil-Literatur, Dokumente und Analysen zuhauf. Aber dünn sind selbstkritische Analysen gesät, die sich mit den Fehlern der Linken - ich beziehe die SPD hier mit ein - ernsthaft auseinandersetzen und sich nicht etwa nur mit gegenseitigen Schuldzuschiebungen beschäftigen. Zumal Marxisten sollten doch wissen, daß der innere Faktor entscheidend, der äußere Faktor sekundär ist, und sie sollten Kritik üben, daß die Fetzen fliegen, aber bei sich zu allererst. Jürgen Kuczynski, einer der offiziellen Geschichtsschreiber der DDR, stellt aber den Marxismus auf den Kopf, wenn er behauptet: "Sicherlich spielen Fehler in der Strategie und Taktik immer eine gewisse Bedeutung. Aber sie waren nicht entscheidend. Entscheidend waren selbstverständlich die objektiven Ursachen."

Montag, 21. Oktober 2013

Die Geschichte hat noch nicht begonnen

Dieser Artikel fiel mir kürzlich wieder in die Hände. Er wurde 1995 unter dem Titel 'Historien har inte börjat' für die schwedische satirische Zeitschrift 'Äcklet' (Der Ekel) geschrieben. Ich habe ihn ins Deutsche übertragen und lege ihn nun zu den Oldies. Oft sagten wir 'Schlimmer kann es doch nicht werden', aber es ist schlimmer geworden. Aber wenn ich das hier lese, dann denke ich, dass der Unterschied so groß auch wieder nicht ist.



Einar Schlereth

24. Oktober 1995


Es läßt sich streiten, ob dies ein guter Titel ist. Geschichte ist die Gesamtheit mensch1icher Entwicklung, menschlichen Wissens und mensch1icher Erkenntnis. Von allem haben wir reichlich. Die Frage ist, ob wir sie nutzen, ob wir der alten Forderung großer Denker und Sehriftstel1er nachkommen, aus der Geschichte zu lernen. Und die zweite Frage ist, ob die Geschichte nicht bald ein Ende nimmt.

Ich denke, daß wir aus der Geschichte nichts lernen, daß wir es auch niemals in der Vergangenheit getan haben. Wann hätten die Menschen jemals aus der Geschichte gelernt? Vielleicht bis zu einem gewissen Grad die Schweden und die Schweizer, weil sie es immerhin verstanden haben, sich seit ein paar hundert Jahren von dem allgemeinen Gemetzel fernzuhalten. Gesellschaftspolitisch hingegen haben sie so wenig wie nur irgendein anderes Volk gelernt. Sie stecken ebenso tief in der Scneiße wie alle anderen auch. Für die Feinen, die Anständigen und die Angepaßten ist es allerdings keine Scheiße, sondern der lang herbei gesehnte vollständige Sieg des Kapitalismus. Und tagtäglich schwärmen sie uns mit verdrehten Augen vor, wie wunderbar und vortrefflich ihr System sei, daß es auch keineswegs stinke, sondern nach Ambrosia dufte.

Sonntag, 22. September 2013

NGUGI WA THIONG'O, ein afrikanischer Dichter im Exil


NORDDEUTSCHER RUNDFUNK
Montag, den 18. Juni 1984
NGUGI WA THIONG'O, ein afrikanischer Dichter im Exil 
Einar Schlereth
Dienstag, den 19. Juni 1984, 20 Uhr wird Ngugi wa Thiong'o in der Evangelischen Akademie an der Esplanade 15 lesen. Aus diesem Anlaß eine kurze Betrachtung seiner Person und seines Werkes.
Als sich am 31. Dezember 1977 die Tore (des Sicherheitstraktes) des Kamiti-Gefängnisses schlossen, starb endgültig der Mythos von der liberalen Demokratie in Kenia. 12 Monate lang saß dort ohne Anklage und Gerichtsverfahren einer der beiden 'literarischen Giganten Afrikas': Ngugi wa Thiong'o. Der andere, der Nigerianer Wole Soyinka, hatte diese Erfahrung schon einige Jahre früher gemacht (eine Erfahrung, an der wohl kein großer Dichter dieser Welt vorbeikommt, ob Ritsos in Griechenland, Hikmet in der Türkei, Sri Sri in Indien oder Pramudya Ananta Toer in Indonesien).

Wer ist Ngugi wa Thiong'o? Er wurde 1938 in Limuru bei Nairobi geboren. Für den 14-jährigen wurde der Befreiungskampf und der englische Terror zum Schlüsselerlebnis. Er studierte an der (renommierten) Makerere-Universität in Uganda, arbeitete als Journalist in Nairobi, setzte seine Studien in England fort, wurde Gastprofessor in den USA, Uganda und Kenia und schließlich Dekan der Abteilung Literatur an der Universität von Nairobi. 1982 entzog er sich einer erneuten Verhaftung durch die Flucht nach London.

Montag, 16. September 2013

'BUMI MANUSIA - Garten der Menschheit' von Pramoedya Ananta Toer


NORDDEUTSCHER RUNDFUNK , Kultur aktuell

vorgestellt von Einar Schlereth
Januar 1985

Im Herbst 1984 erschien auf dem deutschen Markt 'Bumi Manusia - Garten der Menschheit', der I.Band einer Tetralogie von Pramoedya Ananta Toer - mit nur 4 Jahren Verspätung, für deutsche Verhältnisse eine sensationell kurze Zeit. Der Roman jedenfalls hat eine lange Geschichte. Seine Niederschrift wurde jahrelang verhindert, endlich erlaubt, sogar der Druck. In wenigen Monaten erscheinen 5 Auflagen, werden 60 000 Exemplare der beiden ersten Bände verkauft - bis die indonesische Staatsmacht die Bücher verbietet, 10 000 Bände konfiszieren und 1981 öffentlich verbrennen lässt.

Auf der Frankfurter Buchmesse protestieren deutsche Verleger, rücken sich vor Fernsehkameras ins Bild, doch die Romane zu drucken, fällt ihnen nicht ein. Dieses wenig lukrative Geschäft überlassen sie lieber einem Neuling, einem Mini-Verlag.

Angesichts des Verdienstes, den ersten großen indonesischen Roman eines Autors von Weltrang dem deutschen
Publikum zugänglich gemacht zu haben, sollten wir den manchmal gravierenden Mängeln der Übersetzung gegenüber nachsichtig sein.

Mittwoch, 12. Juni 2013

SCHWEDISCHES PROTESTTHEATER

Meine Güte, das ist genau 40 Jahre her. Ich denke, es ist wichtig, jüngere Menschen an dem teilnehmen zu lassen, was damals möglich war und geschaffen wurde, bevor alles von der neo-liberalen und konservativen Walze plattgemacht wurde.  Das Pro- Theater hat sich recht lange halten können. Dann haben einige der Mitlgieder auch an anderen Projekten mitgearbeitet, etwa an dem 'Zeltprojekt', wo eine Gruppe ein altes Zirkuszelt erstanden hatte und mit der 'Geschichte des schwedischen Volkes' durch das ganze Land reiste, was ein sensationeller Erfolg war.

Gesendet am 2. Mai 1973, im NDR, Journal 3


Einar Schlereth

SCHWEDISCHES PROTESTTHEATER

Während in Deutschland wie gewöhnlich noch theoretische Diskussionen über Sinn, Funktionen- und Zielgruppen des Theaters stattfinden, ob neben, gegen oder für die breiten Schichten gespielt werden sollte und phantastische Mitbestimmungsmodelle entworfen werden, ist man in Schweden längst aus diesem Stadium heraus.

Sicherlich auch in Schweden wurde diskutiert, auch dort gab es wirklichkeitsfremde Träumereien, aber mit einem entscheidenden Unterschied. Man ließ der Theorie sehr bald die Praxis folgen, die dann wiederum der Theorie auf die Sprünge half. Bei diesem lebendigen Prozeß ging manche Illusion, manches theoretische und theatralische Windei sang-und klanglos über Bord, das hierzulande über Jahre hinweg die Gemüter zu verwirren vermag, nur weil sich niemand findet, der es mit der spitzen Nadel der Praxis zum Platzen bringt.

Dienstag, 21. Mai 2013

4oo Jahre westlicher Imperialismus in China


Hier habe eine 40 Jahre alte Sendung ausgegraben. Aber angesichts der heutigen Entwicklungen mit Globalisierung und Neokolonialismus und Neo-Rassismus ist das Buch so aktuell wie je zuvor. Aber selbst damals, 
als das Klima noch nicht völlig umgeschlagen hatte, fand sich für dieses wunderbare Buch kein Verlag. Ich habe gerade kurz gegoogelt, aber sein Buch auf die Schnelle nicht gefunden. Auf Englisch müsste es sich noch irgendwo/irgenwie zu erhalten sein - und auf Schwedisch auch. Aber dafür habe ich eine tolle Beiographie von einem Chinesen über ihn gefunden mit einer Reihe von Fotos sogar aus seiner Kindheit und Jugend. Aber die muss ich in Ruhe lesen. Hier ist der link.


Rewi Alley/Hans Miller: 4oo Jahre westlicher Imperialismus in China

Einar Schlereth
für den NDR
am 12. September 1973
.
Vor kurzem hat der renommierte schwedische Verlag Gidlunds in Zusammenarbeit mit der schwedisch-chinesischen Freundschaftsgesellschaft das umfangreiche Buch '4oo Jahre westlicher Imperialismus in China' von Rewi Alley mit einem Vorwort von Jan Myrdal herausgebracht. Obwohl Rewi, Alley in hunderten Büchern und Reportagen vorkommt, so bei Agnes Smedley, Anna Wang, Edgar Snow, ist er bei uns so gut wie unbekannt, ist bei uns noch keine seiner zahlreichen Veröffentlichungen publiziert worden. Wer ist Rewi Alley?
1897 in Neu-Seeland geboren, nahm er mit jungen Jahren am 1. Weltkrieg teil, wurde verwundet und dekoriert, wurde Schafzüchter in seiner Heimat und kam als 3o-jähriger nach Shanghai. Als Fabrikinspektor kämpfte er gegen Kinderarbeit, Korruption und verantwortungslose Beamte, setzte sich mit allen Mitteln für Arbeitsschutz und die Gesundheit der Arbeiter ein. Später gehörte er zu den führenden Leuten in der internationalen Solidaritätsarbeit für den Kampf Chinas gegen den japanischen Faschismus.
Er begann lokale Produktionskooperativen aufzubauen, die, weil erfolg­reich, von Tschiang Kai-schek zerschlagen wurden. Mitten im Krieg baute Alley Schulen von einem ganz neuen Typ auf. Schulen, die vom Volk selbst gegründet wurden und sich selbst versorgen sollten. Schu­len, die eine Einheit aus Landwirtschaft, Industrie, Viehzucht und allseitiger geistiger und technischer Erziehung bilden sollten. Nach dem Krieg hatten sich diese Schulen stabilisiert und ihre Erfahrungen wurden verallgemeinert. Es ist sicherlich nicht übertrieben, zu behaupten, daß Rewi Alley einen großen Beitrag zum chinesischen Erziehungswesen, das zu den fortschrittlichsten der Welt gehört, geleistet hat.

Sonntag, 5. Mai 2013

Die große Reise nach Timbuktu



Afrikaforschung im 19. und 20. Jahrhundert
von Heinrich Barth bis Basil Davidson

von Einar Schlereth


Dies war eine Sendung im Norddeutschen Rundfunk 3 in der Redaktion von Joachim Schickel am Sonntag, den 4. März 1979 um 20.15 bis 22.00 Uhr.
Da Heinrich Barth auch heute, 34 Jahre später, immer noch ein so gut wie Unbekannter ist, obwohl er der größte Afrikaforscher – im besten Sinne des Wortes – war, lohnt es sich, diesen Essay der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Bei meiner Arbeit mit dem Einscannen und Digitalisieren stieß ich zu meiner Freude auf die englische Besprechung eines Buches von Steve Kemper mit dem Titel 'A Labyrinth of Kingdoms', das im Verlag W.W. Norton & Company, New York – London 2012 erschien. Die Rezension von Randy Dotinga heißt 'Heinrich Barth: the greatest explorer you've never heard of' (Heinrich Barth: der größte Forscher, von dem man nie gehört hat) mit dem Untertitel 'Der Schriftsteller Steve Kemper beschäftigt sich mit Heinrich Barth in der ersten Biographie auf Englisch über den Forscher, der sich in das islamische Afrika wagte'.

Welch eine Schande für Deutschland, das eine seiner größten Gestalten völlig vergessen hat, das sein Mammutwerk ein einziges Mal um 1860 auflegte und dann nie wieder. Ich nahm natürlich gleich Kontakt mit Steve Kemper auf und er schickte mir ein PDF seines Werkes. Eine wunderbare Lektüre, mit tiefer Kenntnis von Heinrich Barths Gesamtwerk und großer Einfühlsamkeit geschrieben. Ich versprach Steve Kemper, alles zu versuchen, um eine deutsche Übersetzung unterbringen zu können. Nun, ich versuchte es bei einem Dutzend Verlage – vergebens. Das wird sich in der deutschen Provinz wohl auch nicht ändern. In Afrika hingegen ist Heinrich Barth noch heute aktuell und wird eifrig studiert. Und immerhin ist die englische Ausgabe seines vierbändigen Reiseberichts, die 1860 simultan mit der deutschen erschien, bei Google book in Teilen zugänglich, sogar der 1. Band seines umfangreichen Werkes mit Vokabularien und Grammatiken von neun afrikanischen Sprachen.



Die große Reise nach Timbuktu


Haussa-Lied zur Einstimmung

Barths Reise schwarze Linie mit gelben  Punkten
Unsere Urgroßeltern hätten wenig mit diesen Klängen anfangen können. Uns sind sie weniger fremd. Sie sind Bestandteil unserer Musikkultur geworden. Ein Beitrag Afrikas, aber unfreiwillig und auf Umwegen. Es begann vor 400 Jahren. Millionen Afrikaner, Frauen, Männer, Kinder, ihren Familien, ihrer Heimat entrissen, auf Schiffen festgekettet, von Hunger, Durst, Stürmen und geflochtenem Leder gepeitscht, verkauft auf die unermeßlichen Plantagen der beiden Amerika, geraubt auch diese, schnitten das Zuckerrohr, brachen die Teeblätter, pflückten die Kaffeebohnen; den Rücken unter der Sonne und der Peitsche, in den Augen den brennenden Schweiß. Aber weder Sonne, noch Schweiß, noch Peitsche vermochten ihnen die Kultur – ihre Kultur – zu entreißen. Und am Ende singen wir – die Erben der Sklavenaufseher und -Halter – die Lieder eben dieser Sklaven.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als Heinrich Barth seine große Reise antrat, hatte das Gewissen des weißen Mannes heftiger zu schlagen begonnen. Die Proklamtion von 'Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit' zeigte Wirkung, auch unvorhergesehene. Ein schwarzer Sklave von Haiti läutete das Ende des Kolonialismus ein, noch es er richtig begonnen hatte – Toussaint L'Ouverture, Philosoph, Staatsmann, Feldherr, dessen Größe einen Napoleon klein machte. Doch bleiben wir beim Gewissen des weißen Mannes. Es schlug nicht umsonst, versteht sich. Es ließ sich in klingende Münze verwandeln. 

Sonntag, 3. März 2013

Baskerna och deras kultur

Redan de katolska kungarna Ferdinand och Isabella måste under steneken svära att respektera de gamla baskiska rättigheterna, med 2,7 miljoner invånare – talar ca 700 000 människor baskernas språk.

(die deutsche Version folgt, wenn ich sie finde) 

Översättning och teckning: Einar Schlereth

Einar Schlereth 

Ännu tror jag inte att man låtit baskerna komma från månen eller mars, men annars från alla världens hörn. Så har man upptäckt förment språkligt släktskap med de semitiska, arabiska, persiska, kaldeiska, grekiska, ural-altaiska språken, med inuit- och indianspråken och med sanskrit. Slutligen har en prins Bonaparte även upptäckt ett släktskap till det finska språket. Och man har räknat baskerna som tillhörande undervärlden. I den fromma pilgrimsguiden till Santiago de Compostela som tillskrivs påven Calixt kan vi läsa:

"Det är ett barbariskt folk som skiljer sig i seder och väsen från alla folk; det är fullt av ondska, av svart färg, oansenligt, nedrigt, trolöst och korrupt, vällustigt, alkoholiserat, erfaret i våldsamheter, oförskräckt och vildsint, lögnaktigt och grälsjukt, kort och gott odugligt till någonting av det goda men mottagligt för laster och synder. Navarreserna plägar driva otukt med sitt fä; man säger att en navarres sätter lås för ändan på sin häst eller mulåsna så att ingen annan än han själv får tillgång till den. Han kysser också vällustigt kvinnors och mulåsnors könsorgan.”
Det här uppbyggliga verket uppstod på elvahundratalet och på den tiden var baskerna, åtminstone i avlägsna områden, fortfarande hedningar, och hedningar fick alltid sådana epitet från de kristna av alla slag och behandlades därefter. Såtillvida är den här texten inte någonting särskilt. Men genom sin djupa tro och sitt helgon Ignazio de Loyola har baskerna mer än väl tvättat bort skamfläcken av sin sena omvändelse. Det måste dock sägas att det lägre prästerskapet i tider av förtryck, liksom det i Polen, alltid stod på folkets sida. För övrigt omtalas redan i Codex Calixtinus rykten att baskerna härstammar från skottarna."

Freitag, 8. Februar 2013

Rätoromanerna i Schweiz

Dies ist die schwedische, bearbeitete Version. Die deutsche Berarbeitung ist inzwischen wiedergefunden und liegt hier unter der schwedischen. Ich habe den Artikel hierher gelegt, weil er Teil einer NDR-Serie über Minoritäten war.

Artikelförfattaren undersökte den speciella situationen för de 51 000 rätoromanerna i Schweiz, ett officiellt fyrspråkigt land. Den rätoromanska minoriteten brottas som många andra med fördomar, snåla insatser från staten och sin egen splittring.

Rätoromanerna i Schweiz

”Les ennemis les plus grandes des minorités sont les minorités.” (Minoriteternas största fiender är minoriteterna själva.)
Detta sade gamle pastorn Jakob Michael till mig i Sagogn i Främre Rhendalen. Och det stämde överens exakt med det intryck jag fått efter ett knappt dussintal intervjuer med rätoromaner på olika orter. Henny, till hälften rätoroman och uppvuxen i tysk miljö och chefen för det stösta rätoromanska förlaget i Disentis, uttryckte sig annorlunda:
Av EINAR SCHLERETH
”Om inte rätoromanerna kommer överens nu, då går förfallet ännu fortare.”
Varje utomstående som får veta att det finns totalt bara 51 000 rätoromaner som talar fem huvud- och skriftspråk som dessutom är fördelade mycket olika, kan bara med en suck instämma. Och trots allt måste varje utomstående som tränger lite djupare in i hela den här problematiken tillstå att det är mycket lättare sagt än gjort. Advokaten Ruedi Viletta var road av min rådlöshet.
Han menade att man måste kasta en blick tillbaka i historien för att till fullo förstå de problem som rätoromaner brottas med.
Räterna, ett blandfolk av ligurer, veneto-illyrer, kelter och etrusker bodde i området mellan Bodensjön och Comersjön och mellan passen S:t Gotthard och Brenner. Om urspråket vet man bara att det varken var etruskiska eller keltiska men besläktat med bägge språken.

DIE RÄTOROMANEN IN DER SCHWEIZ


NDR-Sendung 1992
von Einar Schlereth

MUSIK
Zitator: Les ennemis les plus grandes des minorités sont les minorités. Die größten Feinde der Minoritäten sind die Minoritäten.
Autor: Das sagte mir der alte Pastor Jakob Michael in dem idyllischen Sagogn, zu deutsch Sagens im Vorderrheintal. Und das entsprach genau dem Eindruck, den ich nach einem halben dutzend Interviews mit Rätoromanen an verschiedenen Orten hatte. Anders drückte es der Verlagschef Henny vom größten rätoromanischen Verlag in Disentis aus, ein halber Rätoromane, der aber in rein deutscher Umgebung aufgewachsen ist:
0-Ton: Wenn sich die Rätoromanen jetzt nicht einigen, dann geht natürlich der Zerfall noch rascher.
Autor: Jeder Außenstehende, der erfährt, daß es insgesamt nur 51 000 Rätoromanen gibt, die aber fünf Haupt - und Schriftsprachen sprechen, die wiederum sehr ungleichmäßig verteilt sind, kann diesem Stoßseufzer nur zustimmen. Und doch wird jeder Außenstehende, der sich etwas tiefer mit der ganzen Problematik beschäftigt, zugeben müssen, daß das viel leichter gesagt als getan ist. Rechtsanwalt Ruedi Viletta hatte eine geradezu diebische Freude an meiner Ratlosigkeit:
0-Ton: Ich sehe, daß ich sie richtig unsicher gemacht habe, das freut mich.
Autor: Ich glaube nicht, daß Unsicherheit der Sache dient, aber wenn Ruedi Viletta die Befürchtung hat, daß ich mit apodiktischen Urteilen um mich werfen möchte, so kann ich ihn beruhigen. Das beabsichtige ich keineswegs, sondern ich will nur versuchen, die Problematik der Rätoromanen so darzustellen, daß eben auch ein Außenstehender sie verstehen kann. Dazu muß man zuallererst einen Blick in die Geschichte werfen.
Zitator: Das Volk der Räter, eine Mischrasse von Liguriern, Veneto-Illyriern, Kelten und Etruskern, bewohnte das Gebiet zwischen Bodensee und Comersee, Gotthard und Brenner. Von der Ursprache der Rätoromanen weiß man nur, daß weder Etruskisch noch Keltisch, jedoch beiden Sprachen verwandt war.
Im Jahr 15 u.Z. erobern die Römer unter Drusus und Tiberius Rätien, um die Pässe in ihre Hand zu bekommen, über die ihre Verbindungeslinien nach Germanien liefen. Das Volkslatein breitet sich in Rätien aus und verbindet sich mit den bestehenden vorrömischen Sprachen, die durch lautliche Wandlungen und sprachliche Differenzierungen zu den heutigen rätoromanischen Sprachen geformt werden.
Autor: Eine mögliche Quelle der Verwirrung möchte ich gleich zu Anfang ausschalten. Es gibt auch noch rätoromanische Sprachen in Italien, und zwar das Ladinische in Süd-Tirol, das von ca. 20 000 Leuten gesprochen wird und das Friaulische, das nördlich und westlich von Triest von ca. 500 000 Menschen gesprochen wird. Das Friaulische wird bis heute offiziell überhaupt nicht zur Kenntnis genommen, während den Ladinern mittlerweile bestimmte Rechte zugestanden wurden. Beide Sprachen sind jedoch von den rätoromansichen Sprachen in der Schweiz so weit entfernt, daß man sich unmöglich verständigen kann, weshalb die Kontakte selten sind und höchstens offizielle Art.
Zitator: Gleich zu Beginn ihrer Eroberungen legten die Römer am Zusammenfluß von Vorder- und Hinterrhein ein Kastell an, woraus Chur wurde, die älteste Stadt der Schweiz. Bei ihrem weiteren Vorstoß nach Norden teilen die Römer dann Rätien in zwei Provinzen ein: Rätia prima mit Chur als Hauptstadt und Rätia Secunda, wozu Tirol und die bayrisch-schwäbische Hochebene gehörten. Im 5. Jahrhundert erobern die Bajuwaren die Rätia Secunda. Und bis zum 6. Jahrhundert sind beide Territorien romanisiert und christianisiert.
Doch ab Mitte des 6. Jahrhunderts beginnt mit dem Anschluß von Rätia prima an das Frankenreich die politische, wirtschaftliche und kulturelle Ausrichtung nach Norden, die bis heute andauert. Diese Tatsache wird durch die Abtrennung des Bistums Chur von Mailand und dem Anschluß an das Erzbistum Mainz unter Karl d. Gr. verstärkt, auch wenn der Mainzer Erzbischof dekretiert, daß der Gottesdienst in der lokalen Sprache gehalten werden muß.
Autor: Im 13. und 14. Jhrh. besiedeln die deutschsprachigen Walser aus dem Wallis die hochgelegenen und menschenleeren Gebiete Graubündens. Sie bilden bis heute Sprachinseln im rätoromanischen Gebiet, was die Sprachensituation zusätzlich verwirrt. Um dieselbe Zeit werden zur Sicherung der Unabhängigkeit und gegen Habsburg der Gotteshausbund, der Graue Bund und der Zehngerichtebund geschlossen und die Entwicklung zur Demokratie eingeleitet.
Im 15. Jhrh. kommt es zu einer Katastrophe, die langfristig gesehen der schwerste Schlag für die rätoromanische Sprache gewesen ist: Chur, die Hauptstadt Graubündens brennt fast vollständig nieder.
Zitator: Zum Wiederaufbau werden zahlreiche alemannische Handwerker herbeigezogen, die sich nach getaner Arbeit in Chur ansiedeln und Chur zu einer deutschen Stadt machen. Dadurch verliert Graubünden sein sprachlich-kulturelles Zentrum.
Autor: Durch die Reformation werden auch die Rätoromanen von Glaubenskämpfen erfaßt, und die verschiedenen Religionen wetteifern miteinander, Katechismen und Traktate in den verschiedenen Sprachen zu drucken. Da ist es wieder: Die verschiedenen Sprachen. Das bedarf nun doch jetzt schon der Erläuterung. Dazu muß man sich die geographische und topographische Situation Graubündens vergegenwärtigen. Dieser größte Kanton der Schweiz besteht aus 150 Tälern, deren größte vom Vorderrhein, dem Hinterrhein und dem Inn gebildet werden, und die jeweils auf drei Seiten von sehr hohen Bergen eingeschlossen werden. Die Kommunikation zur Außenwelt erfolgte daher in der Regel auf der offenen Seite, d.h. entweder nach Norden oder nach Süden, zumal jahrtausendelang die Berge für die Menschen furchteinflößend waren.
Zitator: In Graubünden entwickelten sich fünf Hauptsprachen, die auch schriftlich niedergelegt wurden: Im Vorderrheintal das Sursilvan, im Tal des Hinterrhein das Sutsilvan, auf der Linie Tiefencastel-Savognin das Surmiran, auf der Linie Davos-St. Moritz das Puter und im Unterengadin und im Münstertal das Vallader.
Autor: Damit nicht genug. Denn im Grunde ist es so, daß jedes Tal, ja jedes Dorf seine eigene Sprache, seinen eigenen Dialekt spricht - und eifersüchtig darüber wacht. Der Autor Werner Catrina hat in seinem Buch `Die Rätoromanen zwischen Resignation und Aufbruch' eine ganze Reihe hübscher Anekdoten angeführt:
Zitator: Anna Capadrutt zeigte sich bitter enttäuscht, als die in den 40-er Jahren geschaffene sutselvische Schriftsprache so wenige charakteristische Elemente der Mundart aus ihrem Dorf Präz enthielt. Unter dem Stichwort "Mutter" steht die Vokabel "mama", während man in Präz "moma" sagt. Und weil ihre im Präzer Dialekt verfaßten Artikel von der Zeitung "La Punt" immer korrigiert werden, arbeitet sie nur noch "fürs Radio. Da kann niemand an meiner Sprache rumkorrigieren."
Autor: Oder ein anderes Beispiel:
Zitator: Frag' Domenica.
Autor: Nein, nein, es wird nicht jugendgefährdend.
Zitator: `Dumanda a Domenica' ist fast ein geflügeltes Wort im Oberengadin. Domenica ist der rettende Ausweg, der immer dann beschritten wird, wenn Einheimische mit ihrem Puter Probleme haben. Sie ist die sprachliche Autorität im gefährdeten Gebiet von St. Moritz. Eine Fanatikerin nennen sie die einen, während andere ihren Namen fast erfurchtsvoll aussprechen.
Autor: Viele Beispiele ließen sich für die wunderliche Weise anführen, mit der sich Rätoromanen abgrenzen, nicht gegenüber dem übermächtigen Deutschen, sondern gegenüber dem nächsten Dorf und dem Nachbartal und die übrigen vier Hauptsprachen. Doch kehren wir erst noch einmal zur Geschichte zurück. Wir sahen, wie durch die Glaubenskämpfe mehrere Schriftsprachen entstanden. Der Gegensatz zwischen altem und neuem Glauben machte jahrhundertelang jede Zusammenarbeit unmöglich.
Zitator: Im 17. Jhrh. wird Graubünden in den Dreißigjährigen Krieg hineingezogen, wobei das Land mehrmals sowohl von französischen als auch österreichischen Truppen verwüstet wird. Jörg Jenatsch, dem von Conrad Ferdinand Meyer ein literarisches Denkmal gesetz wurde, gelang es, die Unabhängigkeit Graubündens wiederherzustellen. Zum vorläufig letzten Krieg in Graubünden kam es in der Napoleonischen Zeit. Besonders bestialisch wüteten wieder einmal die Österreicher, die alten Feinde aller freien Bauern in den Alpen.
Autor: Wie lebendig heute noch die Erinnerung an jene Zeit ist, zeigte sich, als ich von Ruedi Viletta in seinem wunderschönen Haus in Giarsun zu einem Interview mit den Worten empfangen wurde: Ja, die Österreicher hatten wohl keine Zeit mehr, bei ihrem Rückzug auch dieses Haus anzuzünden.
Zitator: 1799 werden die drei Bünde als Kanton Rätien Teil der Helvetischen Republik. Unter dem Namen Graubünden schließen sich die Rätoromanen 1814 definitiv der Eidgenossenschaft an.
MUSIK
Autor: Graubünden ist eine Landschaft der Superlative. Es ist der größte Kanton der Schweiz mit der geringsten Bevölkerungsdichte. Es beherbergt mit Chur sowohl die älteste Stadt der Schweiz, die auf eine 2000 Jahre alte Geschichte zurückblicken kann, als auch das höchstgelegene, ganzjährig bewohnte Dorf Europas: Juf in 2126 m Höhe. In seinen Grenzen wachsen Edelweiß, Zirbelkiefer und - Palmen. Und im Dorf Zillis gibt es eine romanische Kirche mit der ältesten figürlich bemalten Holzdecke der abendländischen Kunst von 1160.
Doch vor allem ist Graubünden eben eine bezaubernde, ungemein kontrastreiche und alte Kultur-Landschaft. Was diese Kulturlandschaft von anderen unterscheidet, das ist nicht die Landwirtschaft, die ja unter ähnlichen Bedingungen ähnlich funktioniert, sondern vor allem die Architektur. Das Engadinerhaus etwa wird von Kulturhistorikern als die originellste architektonische Schöpfung Graubündens bezeichnet. Ihre wuchtigen Häuser, die Wohnteil und Stallungen unter einem Dach bergen, erinnern am ehesten an die Häuser eines anderen Bergvolkes, nämlich die Basken. Tonio Walz schreibt in einem Bericht mit dem Titel "Bauernpaläste":
Zitator: Die Engadiner Dörfer sind romanische Siedlungen - dicht gedrängt, geschlossen und geprägt vom romanischen Charakterzug zur Gemeinsamkeit, Geselligkeit. Keinem Engadiner Bauern wäre es früher eingefallen, auf einem Einzelhof außerhalb des Dorfes zu leben.
Autor: Doch auch hier hat der sogenannte Fortschritt gravierende Veränderungen hervorgerufen. Werner Catrina bemerkt dazu:
Zitator: Die sgrafittogeschmückten "Bauernpaläste" eignen sich schlecht für die moderne Landwirtschaft. In den Sulčr, den Gang, welcher durch das Hausportal zum Heuboden führt, passen weder Traktor noch Ladewagen. Weil die Häuser zum Schutz gegen eisige Winterkälte Mauer an Mauer stehen, läßt sich meist auch kein anderes Tor herausbrechen. Wer heute rationell wirtschaften will, muß einen Stall am Dorfrand bauen oder einen neuen Hof am Dorfrand bauen, weit weg vom Ortskern. Was sein Vorfahre nie getan hätte, ist für den modernen Bergbauern eine existentielle Notwendigkeit.
Autor: Neben der Architektur sind es die Menschen selbst und ihre Sprache, die einer Landschaft ihr Gepräge geben. Ich muß sagen, daß ich die von Herzen kommende Freundlichkeit der Romanen im Unterengadin als äußerst angenehm empfunden habe und daß mir ihr Gruß `Allegra' - Freude - immer wie Musik in den Ohren klingt. Doch gerade ihre schöne, wohlklingende Sprache ist der Hebel, mit dessen Hilfe die Identität der Rätoromanen zerstört wird. Ihre winzige Minderheit von 51 000 Personen wird langsam, aber sicher zwischen den Mahlsteinen zweier großer Kultursprachen zerrieben - dem Schweizer Tüütsch im Norden einerseits mit seinem gewaltigen Hinterland Österreich und Deutschland und der italienischen Sprache im Südteil des Kantons mit Italien als Hinterland. In Chur traf ich im Gebäude der `Lia Romantscha' - der Zusammenschluß aller romanischen Sprachorganisationen - mit dem Linguisten Gian Peder Grigori zusammen, um mit ihm über dieses Problem der sprachlichen Erosion zu sprechen.
0-Ton: (54) Im Prinzip sind wir 2-sprachig, die Rätoromanen also jetzt. Also auch in einem Dorf, wo romanisch ganz klar die Mehrheit ist, wo das öffentliche Leben romanisch abläuft, ist der Kontakt der kleinen Kinder, z.B. über das Fernsehen, sehr früh hergestellt mit dem Deutschen. Das Fernsehen, als aggressives Medium hat sicherlich eine wesentliche Funktion - man hört z.B. kleine Kinder, die Werbespots auswendig können und die kommen natürlich deutsch, die gibt es auf romanisch nicht.
Wir haben 50 000 romanisch Sprechende, Muttersprach-Sprecher, d.h. Leute, die 1980 romanisch als Muttersprache angegeben haben. Und die sind natürlich verteilt - die leben nicht alle in Graubünden erstens, und nicht einmal alle im traditionellen Sprachgebiet, dort leben etwa 32000 Rätoromanen und der Rest lebt entweder im deutsch-sprachigen Teil Graubündens oder im Rest der Schweiz.
Autor: Wie sieht die Schulsituation aus?
0-Ton: Die Schulsituation ist natürlich entscheidend für das Überleben einer Sprache. In der Schweiz besteht ein sehr großer Föderalismus in Sachen Schule. Die Kantone haben die Schulhoheit und der Kanton delegiert weitere Aspekte der Schulhoheit nach unten. In Graubünden haben wir im Prinzip 3-4 Schulmodelle, je nach Sprachregion. Im Stammgebiet haben wir eine romanische Grundschule, d.h. die Kinder werden romanisch eingeschult. Also die ersten drei Jahre der Grundschule plus der Kindergarten, der vorausgeht, ist alles romanisch. Also auch im Oberengadin, wo die Kinder mehrheitlich deutsch oder italienisch sind, müssen die Kinder eine komplett romanische Grundschule besuchen. Und ohne einen Kindergarten, der hier sprachliche Vorarbeit leistet, wäre das nicht möglich. Ich muß dazu sagen, daß das funktioniert. Das Modell geht weiter. In der 4. Klasse setzt der Deutschunterricht ein. Zuerst als Sprachunterricht. Je weiter der Unterricht fortschreitet wächst die Quantität des Deutschunterrichtes und das Romanische nimmt ab. Das geht bis Ende der 6. Klasse. Dann ist bei uns ein Stufenwechsel in die Sekundarstufe und dort geht das Romanische noch weiter zurück und wird zum Fach plus ein Fach, Biologie, das in Romanisch vermittelt wird, der ganze Rest ist dann Deutsch.
In rein deutschen Gebieten haben wir den deutschen Schultypus, der dem Typus der Deutschschweiz entspricht. In den italienischen Gebieten haben wir eine italienische Schule, wo das Deutsche als Fremdsprachenunterricht in der 4. u. 5. Klasse einsetzt. Und dann kommt das Sprachmischgebiet, könnte man sagen, ein GEbiet, das ursprünglich rätoromanisch war, heute aber deutschsprachig ist. Diese Gemeinden sind laufend von einem romanischen System zu einem deutschsprachigen Schulsystem übergegangen. Und das liegt in der Kompetenz der Gemeinde. Die können mittels Abstimmung das Schulsystem wechseln.
Autor: Genau dies ist ein hartnäckig umstrittener Punkt. RA Ruedi Viletta hat sich mit dieser Frage in Wort und Schrift befaßt. Auf meine Frage, ob die Gemeinde das Schulsystem wechseln kann, meint er:
0-Ton: Wenn Sie mit `kann' eine rechtliche Situation erfragen möchten, dann muß ich nein sagen, wenn Sie aber sagen, sie tut es, dann muß ich ja sagen. Da gibt es einen Ideenstreit darüber. Ich habe darüber publiziert und ich vertrete die Meinung, daß das unrechtlich ist. Wenn eine Gemeinde, gestützt auf ihre sogenannte Autonomie, bestimmt über die Unterrichtsprache.
Autor: In der Schweiz gilt in der Sprachenfrage nicht das Personalprinzip, sondern das Territorialprinzip. D.h. jede Sprache besitzt ein fest umrissenes Stammgebiet, in dem die jeweilige Sprache sozusagen alleinherrschend ist. Ruedi Viletta erklärt mir anhand vieler Beispiele, daß dieses Prinzip, das gerade wieder vom Ständerat bekräftigt worden ist, für die deutsche, französische und italienische Sprache respektiert wird, aber gerade im Fall der rätoromanischen Sprache, die nach Aussage aller Experten in ihrem Bestand gefährdet ist, dauernd durchlöchert wird. Und dies, obwohl es einen berühmten Präzedenzfall samt höchstrichterlichem Beschluß gibt:
0-Ton: Da ging es z.B. um die französischsprachige Schule in Zürich, eine private Schule, mehr oder weniger ursprünglich Diplomatenkinder. Und um diese Schule zu führen, braucht es eine Bewilligung der Zürcher Behörden, und die Zürcher Behörden haben gesagt nein. Anwendung des Territorialitätsprinzipds: Zürich ist deutschsprachig, da gibt es keine französischsprachigen Schulen. Und ich unterstreiche, private Schulen! Das darf es einfach nicht geben. Und das Bundesgericht hat es geschützt und hat gesagt, die Zürcher Behörden haben Recht. Das ist das schweizerische Rechtssystem, die Staatsidee, die das vorschreibt. Und dieses Urteil des schweizerischen Bundesgerichtes bildete die Grundlage für die Schlichtung des belgischen Sprachenstreites 1968 vor dem Menschenrechtsgerichtshof. Und diese Idee des territorialen Schutzes der Sprache hat auch Eingang gefunden in alle entscheidenden Dokumente der Volksgruppen oder Minderheiten Europas.
Autor: Es ist schon merkwürdig, daß die Schweizer, die sich so viel auf ihre Vielsprachigkeit zugutehalen, die auch bei allen Umfragen große Sympathien für das Rätoromanische bekunden, in der Praxis ihre vierte Landessprache derart stiefmütterlich behandeln. Aber vielleicht ist es doch nicht so merkwürdig, wenn man bedenkt, daß gute Worte halt nichts kosten, während man für die Umsetzung der Gleichberechtigung viele Franken springen lassen müßte, und da werden die Schweizer halt ungemütlich. Das sieht auch Viletta als den springenden Punkt:
0-Ton: Natürlich kostet es. Es ist sehr viel einfacher (S. B. ca.650), wenn man nur eine Sprache zu verwanden hat, das ist selbstverständlich. Die Schulbücher, die Formulare nur in einer Sprache, alles nur einsprachig, das ist billiger.
Autor: Ruedi Viletta erzählt auch verschiedene Episoden aus seiner Zeit als Abgeordneter im Kantonsrat, die sehr unerquicklich sind, wie etwa der Auszug deutscher Abgeordneter, sobald er auf romanisch das Wort ergriff. Annette Pietsch, ein engagierte Romanin in Bern, drückt sich sehr deutlich aus:
0-Ton: Das Romanische wird in vielen Kreisen immer noch als etwas Rückständiges angeschaut. Es ist schon eine Diskriminierung der Bergbevölkerung.
Autor: Das Wort Diskriminierung möchte Gian Grigori nicht direkt benutzen. Er meint:
0-Ton: Die Diskrimierung ist nicht offensichtlich, sie ist ein bißchen versteckter. Der Druck auf die Minderheit ist nicht nur da, weil es eine Minderheit ist, sondern weil sie die Sprachlast trägt. Für mich ist es eine ganz typisch pragmatische Haltung, die da zum Vorschein kommt und die meiner Ansicht nach doch verwurzelt ist bei den Romanen. Weil sie schon lange 2-sprachig sind, entwickeln sie eine riesige Anpassungsbereitschaft.
Autor: Diese Anpassungsbereitschaft ist es auch, die den Rätoromanen von ihren eigenen Leuten immer wieder zum Vorwurf gemacht wird. Allerdings darf man nicht vergessen, daß dies das Resultat eines starken Anpassungsdrucks ist, der von der deutschsprachigen Bevölkerung ausgeübt wurde. Das schlug sich auch in Sprüchen nieder, wie etwa: Mit dem Rätoromanisch kannst du nicht einmal eine Kuh in der Stadt verkaufen. Und dieser Druck führte dann im vorigen Jahrhundert so weit, daß
Zitator: die Bündner Bauern ihre Kinder zu hunderten während der Schulferien nach Süddeutschland schickten, damit sie gut deutsch lernten.
Autor: Mit der Erschließung des Kantons für den Tourismus verstärkte sich der Druck auf die einheimische Bevölkerung, deutsch zu lernen, da das größte Kontingent der Touristen seit eh und je aus der deutschsprachigen Schweiz und Deutschland kam. Doch jedem Spanier, Franzosen oder Engländer käme die Idee absurd vor, deutsch zu lernen, nur weil ein paar Millionen Deutsche als Touristen ins Land kommen. Gewiß, aber an diesem Beispiel wird auch klar, daß es eine Frage der Quantität ist. Die Romanen sind halt insgesamt nicht mehr Menschen, als in irgendeiner europäischen kleinen Kleinstadt Platz finden.
Unter diesen Umständen wäre der Handlungsbedarf der Regierung umso größer gewesen. Eine bequeme Ausrede der Regierung und Behörden für ihre Untätigkeit war stets die Tatsache, daß es 5 romanische geschriebene Sprachen gibt und die Rätoromanen sich nicht auf eine einzige einigen konnten. Mittlerweile gibt es eine gemeinsame Schriftsprache und ich frage Gian Grigori, ob es sich hierbei um eine Art Esperanto handle:
0-Ton: (437) Innerhalb der Sprachplanung war ein Aspekt, man muß die Präsenz einer Sprache, um sie zu erhalten, im öffentlichen Leben erhöhen. Mit einer einheitlichen Schriftsprache.
Jetzt die Frage: Ist das ein Esperanto? Kurz ein paar Worte zur Konstruktion dieser Schriftsprache. Das Konzept ist entwickelt worden von einem Romanistikprofessor in Zürich, und er hat im Prinzip die beiden großen Schriftvarianten unter den 5, die wir haben, genommen, die stehen auch sprachlich am weitesten auseinander, hat die mittlere, die Brückenvariante aus dem Sutmiran genommen, und hat die verglichen und hat im Prinzip ein Mehrheitsprinzip entwickelt. Also das Romantsch Grischun ist so zusammengesetzt, daß man sie aus bestehendem Material formt, wie es am meisten gesprochen und geschrieben wird in den verschiedenen Idiomen. Wenn also in zwei Idiomen etwas so geschrieben wird und in einem weiteren anders, dann schreibt man im Romantsch Grischun so, wie es die zwei schreiben. Es ist eine konstruierte Sprache. Es ist aber keine Kunstsprache, weil sie zu 98 % auf bestehendem Materal fußt.
Autor: Auch wenn nun von Regierung, Post, Bahn etc. diese Sprache in starkem Maße verwendet wird, hält sich doch die Akzeptanz bei den Rätoromanen in Grenzen. Z.B. gibt es keine Schriftsteller, die sie benutzen. Für Verlagschef Henny in Disentis ist die Situation nach wie vor chaotisch:
0-Ton: Dann ist es einfach so, daß der normale Bürger aus dem Engadin, der rätoromanisch spricht, der liest kein Buch im oberländisch geschrieben.
Autor: D.h. alle Bücher in einem bestimmten Idion wenden sich nur an die Leute, die es auch sprechen. Und wie hoch sind die Auflagen?
0-Ton: Bei Gedichtbänden z.B. kann das variieren zwischen 500 bis etwa 1000. Dann bei Belletristik, da kommt's drauf an, was für ein Autor, und da schwanken die Zahlen von 1200 bis 2000, vielleicht einmal höchstens auf 2200 Expl. nur für Oberländerromanisch. (680)
Autor: Auch das eine oder andere Werk auf sutselvisch wird noch gedruckt, erscheint aber nicht im eigenen Verlag. Für die übrigen drei Sprachgruppen gibt es so gut wie keine Publikationen, weil sie definitiv zu klein sind. Zur aktuellen Situation der Sprache meint Herr Henny:
0-Ton: Die Situation, also wenn Sie mich fragen, sehe ich sie eher pessimistisch. Wenn man die ganze Entwicklung anschaut in Sachen Sprache in den einzelnen Gemeinden, so ist die Entwicklung in meinen Augen verheerend. Ich sehe nicht, daß man hier Einhalt gebieten kann, sondern die Entwicklung wird weitergehen. Ich glaube, daß wir so in 20 - 30 Jahren nicht mehr viele Gemeinden haben, die noch mehr oder weniger vollständig romanisch sprechen. Und nun kommt das noch dazu, daß die Rätoromanen sich nicht einigen können auf diese Schriftsprache, d.i. ich würde sagen, zum Teil ein beschämendes Kapitel, und die Fronten haben sich jetzt eher, in meinen Augen, nicht enthärtet, sondern eher verhärtet. Und wenn Sie mich fragen, dann ist das in meinen Augen die letzte Rettung. Wenn sich die Rätoromanen jetzt nicht einigen, auf diese Schriftsprache - wenn Sie die Entwicklung in Deutschland von früher her wissen, mit den verschiedenen Dialekten, die konnten sich auch auf eine Schriftsprache im Deutschen einigen, auch wenn es lang gedauert hat - wenn sie sich also nicht einigen können, dann geht natürlich der Zerfall noch rascher. Der Ball liegt eindeutig jetzt bei den Rätoromanen selbst.
Autor: Eine Einigung würde sich natürlich positiv auf den gesamten Medienbereich auswirken. Statt fünf Mini-Blättchen könnte eine Zeitschrift herauskommen, ein Projekt, an dem jahrelang schon vergebens gewerkelt wird. Im Rundfunk könnte die Präsenz wesentlich verstärkt werden, auch wenn sich dort in den vergangenen Jahren die Situation einigermaßen verbessert hat. Doch im Fernsehen ist der Anteil des Rätoromanischen immer noch verschwindend gering, obwohl man weiß, wie verheerend der Einfluß gerade auf die kleinen Kinder ist.
Ein wesentlicher Faktor bei der Erosion der Sprache ist auch die Landflucht und das bedeutet Flucht in die deutschen Städte, wo die Rätoromanen überdurchschnittlich häufig einen fremdsprachigen Ehepartner wählen. Als Grund für die Landflucht werden nicht nur bessere Berufsaussichten angegeben, sondern sehr häufig auch die geistige Enge ihrer Täler in religiöser, politischer und sozialer Hinsicht. Annette Pietsch schildert die Situation so:
0-Ton: Das ist ein Tal mit 1500 Einwohnern. Bis nach Chur hat man 200 km Paßfahrt mit dem Auto, mit dem öffentlichen Verkehrsmittel hast du 4 Stunden Fahrzeit, nicht. Die nächste Stadt ist im Süden, Meran, eine Stunde Auto. Und die Leute, was hat es, Intellektuelle hat es ein oder zwei Ärzte, ein Veterinär und einen Pfarrer und fertig. Ich möchte nicht mehr so leben.
Autor: Im Vorderrheintal kommt ein undurchdringlicher Filz von Christlicher Volks-Partei und katholischer Kirche hinzu - in Abgrenzung zu den Protestanten ringsumher - der vielen Rätoromanen "einen kalten Schauer über den Rücken jagt", so daß sie ihrer Heimat den Rücken kehren.
Im Fazit seines Buches schreibt Werner Catrina nach seinen über 300 Gesprächen mit Vertretern aller Volksschichten:
Zitator: Auffallend ist heute bei vielen ein geschärftes Bewußtsein für den Wert und die Bedeutung der Muttersprache. Es beginnt manchem Romanen aufzudämmern, daß es von jedem einzelnen, also auch von ihm selbst, abhängt, ob das Romanische lebt oder nicht. Erst wenn sich dieser tausendfältige Wille wirklich lebendig manifestiert, entsteht der nötige Druck, der die heute erfolrderlichen Lebensbedingungen für die Kleinsprache zu schaffen vermag. Unser politisches System bietet genügend Spielraum dafür.
Autor: Das klingt nicht besonders überzeugend. Ein Trost mag sein: Das Rätoromanische ist schon so oft totgesagt worden, daß es vielleicht auch diesmal alle pessimistischen Einschätzungen überdauern wird. Und vielleicht kehren ja die Rätoromanen auch zu dem Selbstbewußtsein zurück, womit sie z.B. 25 Jahre lang - von 1900 bis 1925 - dem Autoverkehr trotzten. Indem sie an dem Autoverbot wieder anknüpften, könnten sie neue Maßstäbe setzen und einen alternativen Tourismus ermöglichen, der nicht nur mehr Rücksicht auf die prekäre Lage der Natur nähme, sondern auch auf die prekäre Lage der rätoromanischen Sprache.
MUSIK